Arbeitszeit Schulleiter

Weil Timo davon schrieb, habe ich mal meine LDO (Lehrerdienstordnung) angeschaut. Die Formulierung ist ein wenig anders. Man spricht von der Hauptunterrichtszeit.

Dies wird gern ergänzt durch die AGO (Allgemeine Geschäftsordnung für die Behörden des Freistaates Bayern). Dort heißt es dann

Entsprechend interpretiert man, dass die Schulleitung bis 16 Uhr besetzt sein muss. Dies gewährleisten wir, indem wir die Mitglieder der Schulleitung auf die Tage verteilt. Jeder hat dann seinen Nachmittag.

Was Timo schreibt kenne ich aber auch. Das mit dem schlechten Gewissen beim früheren Gehen. Auch ich habe mir das mit dem einen Tag in der Woche vorgenommen. Auch bei mir scheitert das momentan einfach. Auch ich habe viele Entschuldigungen. Auch meine KollegInnen fragen mich schnippisch: ist heute nicht DER Mittwoch?

Das Schwierige ist aber wirklich die Unwägbarkeit der Vormittage. Man plant Gespräche zur Beurteilung oder mit Eltern oder KollegInnen – und dann gibt es einen Fehlalarm im Schulhaus oder einen Polizeieinsatz auf dem Schulgelände oder auch viel weniger Spektakuläres, was den Arbeitsfluss stört. Und dann schiebt sich alles nach hinten. Alternativ auch gern bei Erkältungswellen, wenn der Vertretungsplan explodiert und kein Gesprächstermin funktioniert, weil alle im Unterricht sind.

Und dann gibt es die Phasen mit den vielen Extrageschichten: Beurteilung, Beurteilungseröffnung, Elternbeiratssitzung, Vorbereitung Infoabend, Infoabend, Schulforum, Disziplinarausschuss, Lehrerkonferenz, Schulentwicklungsteam, Fachsitzungen, Bewerbungsgespräche, Einstellungsverfahren. Hier ist Delegieren in der Regel nicht möglich, weil der Schulleiter dabei sein muss.

Ja, aber ich schaffe es noch mit dem Mittwoch.

Wenn die Golfsaison angefangen hat.

Und weil es wichtig ist.

Als Trost für Herrn Klinge gedacht.

Bulldog-Fahren

  1. 25 km/h sind ausreichend.
  2. Am Tag mit Licht durchs Dorf fahren macht nur der Depp.
  3. Grüßen, immer, auch wenn man dich nicht kennt. Man kennt deinen Bulldog und dem, der ihn gehört – du bist halt der neue Knecht.
  4. Wenn der Nachbar am Zaun steht, gibt’s sicher was zu berichten. Halt an, steig ab, lass den Bulldog laufen – neu anwerfen kostet zu viel Diesel.
  5. Wer mit dem Bulldog noch nie steckengeblieben ist im Wald, der ist noch nie Bulldog gefahren.
  6. Vorglühen!
  7. Bulldog – nicht Trecker.

Frank Berzbach. Die Kunst ein kreatives Leben zu führen.

Bis auf das langatmige Endkapitel über die Zubereitung von Tee ein sehr spannendes Buch, welches ich in Einzelkapiteln sicher noch Mal zur Hand nehmen werde. Und ja, es kommt sehr oft etwas in der Art des Wortes „Achtsamkeit“ vor. Ja, ich gebe zu, dass ich derzeit auf der Suche bin, wie man so schön sagt. Verlag.

Motiviert von Karla Paul, wie öfter in den letzten Jahren.

Ein Kind hält den Mund – eine Entgegnung für Herrn Rau

Weil das doch für eine gute Sache war.

Manche Dialoge in der Schule gehen so:
„Herr Kuban, bekomme ich eine Strafe, wenn…“
„JA!“

Ich unterbreche, weil ich in der Regel weiß, was dann folgt. Die Beschreibung eines Handelns, was ganz sicher würdig ist für eine Ordnungs- oder Erziehungsmaßnahme (gem. BayEUG Art. 86). Und dann sind sie immer enttäuscht, was ich nicht verstehe.

Hallo? Ich bin Lehrer und Schulleiter?!?

Neulich threemte mir eine Kollegin meiner alten Schule die Frage, was ich mit meinen Schülern machen würde, wenn sie (während der Schulzeit) zum Demonstrieren (für das Klima) gingen. Meine Antwort war klar: Es ist verboten, entsprechend wird das geahndet als unentschudligtes Fernbleiben vom Unterricht. Schüler besitzen kein Streikrecht, ebensowenig wie viele andere Rechte (Recht auf Freizügigkeit, freie Entfaltung der Persönlichkeit u.a. – „Schule ist Knast„). Andersherum unterliegen sie der Schulpflicht. Diese zu erfüllen ist ihre Aufgabe ebenso wie die der Eltern. Eine eindeutige Geschichte.

Ob ich nicht Sympathien hegen würde für die Demonstrierenden und ich würde doch sicher mitgehen wollen.

Ungeachtet aller möglichen Sympathien, die ich hege, würde ich keinen Schüler irgendwohin schicken, wo er dann demonstriert. Das Recht auf freie Meinungsäußerung und nichts anderes ist das Demonstrationsrecht, soll ja eben das sein: frei. Jemanden zu schicken wäre mir zu abseitig.

Als ich selbst mal Schülersprecher war, forderte man mich auf, das ich meine Schüler für eine Demo mobilisieren sollte, schnell, viel. Damals habe ich mich dem verweigert und darauf gepocht, dass man die erst mal gründlich informieren sollte, um ihnen dann die Wahl zu lassen. Einer nannte mich damals einen „Scheiß-Liberalen“ – dass der dann später selbst bei den Julis auftauchte ist nur eine der vielen Webfehler in meiner persönlichen Lebensmatrix. Man sollte auch erwähnen, dass ich so viel informiert habe, dass die meisten damit erschlagen wurden. Aber egal –

Wer Kindern sagt
Ihr habt links zu denken
der ist ein Rechter


(Erich Fried)

Habe ich nicht jemals dasselbe getan, werde ich dann gefragt. Und ja, sage ich, das habe ich. Vor 35 Jahren irgendwann mal, da war ich, mit einigen meiner Lehrern, auf einer Demo, vormittags, in der Stadt. Und ich meine, es ging gegen eine Bildungsreform im Stile des G8. Das wollten wir damals nicht (damals in der Nähe von Köln, also NRW). Ich weiß, dass wir damals auch mit Strafe bedroht wurden „von oben“ – und wir sind dennoch gegangen (ich kann mich nicht erinnern, dass etwas passiert ist).

Aber ich meine, das ist der Punkt. Was ist ein Streik wert, der erlaubt ist?

Das nennt man einen Ausflug.

Nach meiner Denkungsart muss ein Streik weh tun, dem Bestreikten und dem, der streikt. Und wenn es nur die Befürchtung ist, dass etwas weh tun wird.

Was ein Kind gesagt bekommt
Von Bertolt Brecht

Der liebe Gott sieht alles.
Man spart für den Fall des Falles.
Die werden nichts, die nichts taugen.
Schmökern ist schlecht für die Augen.
Kohlentragen stärkt die Glieder.
Die schöne Kinderzeit, die kommt nicht wieder.
Man lacht nicht über ein Gebrechen.
Du sollst Erwachsenen nicht widersprechen.
Man greift nicht zuerst in die Schüssel bei Tisch.
Sonntagsspaziergang macht frisch.
Zum Alter ist man ehrerbötig.
Süßigkeiten sind für den Körper nicht nötig.
Kartoffeln sind gesund.
Ein Kind hält den Mund.

18 Jahre Schulleitung: Tschüss Leben

Eine Freundin wollte letzte Woche wissen, wie meine Terminlage so steht. Ich schickte ihr einen Screenshot meines Kalenders. Ihre Antwort war knapp.

Ich wollte hier auf meinem Blog eigentlich nie rumjammern, um u.a. nicht die Frage zu provozieren, warum ich das eigentlich mache. Und weil ich das grundsätzlich seltsam fände. Vielleicht auch weil ich befürchte, wenn mal das Tor offen ist, ich es nicht mehr schließen kann.

Aber ich war heute das dritte Mal in Folge am Wochenende in der Schule und habe dort gearbeitet. Ich kam in der letzten Woche an keinem Tag im Hellen nach Hause. Am Mittwoch war es nach 22 Uhr. Ich habe mir vorgenommen an solchen Tagen mittags eine Pause zu machen – vergeblich. Ich habe mir vorgenommen an solchen Abenden nicht auf dem Heimweg bei unseren amerkanischen Freunden zum Essen einzukehren.

Ich habe aktuell zwei Coaches: Eine Psychologin, die versucht, mir den Wert von Pausen zu vermitteln, von Bewegung, einem inneren aufgeladenen Akku, Listen mit Scheiß-Aufgaben. Und eine Schulleiterin-Kollegin, die es mittlerweile schafft, Mittagspausen zu machen.

Ich würde gern ein paar Postings schreiben, um ein paar der tollen Erlebnisse der vergangenen 12 Monate zu dokumentieren:

  • mein erstes Feld gepflügt
  • zum ersten Mal geritten
  • mitgeholfen ein Haus abzureißen
  • mehrfach einen Misthaufen ausgebaggert und ausgebracht
  • bei der Heuernte geholfen
  • im Bayerischen Wald Golf gespielt

Ich würde gern wieder mal an der See stehen. Und lernen, wie man mit der Kettensäge umgeht. Muss unbedingt mal wieder angeln gehen. Und was fangen. Und es essen,

Ich hätte gern wieder das Gefühl, selbst das Steuer in der Hand zu haben.

18 Jahre Schulleiter: Rhythmus-Veränderungen

Weihnachten ist erreicht – nach bayerischer Ferienzeit-Messung ist das immer eine große Hürde. Ich erreiche diese Ferien in der Regel mit einer Erkältung, die aber dieses Jahr eher diffus bleibt und sich nur in großer Müdigkeit zeigt.

Erst vor einigen Wochen habe ich für mich entdeckt, dass neben vielen kleinen Veränderungen mir vor allem auffällt, dass sich mein Schuljahresrhythmus verändert seitdem ich Schulleiter bin. War er vorher – also mit mehr Unterricht – noch geprägt von den Abfolgen eines Lehrers mit Schulaufgaben, also der Notengebung insgesamt, damit in Zusammenhang mit Elternsprechtagen und Zeugniskonferenzen, so bestimmen nun andere Eckpunkte meinen Rhythmus:

  • Lehrerkonferenzen
  • Sitzungen von Gremien: Elternbeirat, Schulforum, Schulentwicklung
  • Verlautbarungen und Anweisungen aus dem KM
  • Wochenbriefings mit den Kollegen
  • Dailys innerhalb der Schulleitung (= tägliche Treffen in einem Büro, morgens vor dem Unterricht, zwanglos, Austausch von Tages-Informationen)

Bald steigen wir ein in den Ablaufplan zur Abschlussprüfung, dann kommt schon das Halbjahreszeugnis und leider kündigen sich die ersten Disziplinarausschüsse an. Dazu kommen Treffen mit externen Partnern, bzw. solchen, die man dazu machen möchte (Grundschulen, Firmenvertretern). Sitzungen mit allen Beteiligten rund um das Schulhaus. Sitzungen mit der FOS als zweite Schulart innerhalb des Gebäudes. Und dazu die Fortbildungen für neu ernannte Schulleiter in Dillingen.

Sonstige Änderungen:

  • Es wird jetzt wirklich, echt schlagartig ruhig, wenn ich ein Klassenzimmer betrete, das Lehrerzimmer kann sich noch nicht immer entscheiden, wie ruhig es wird, wenn ich komme
  • Schüler erkundigen sich besorgt bei Ihrem Lehrer, was ich denn wolle, wenn ich einen Unterrichtsbesuche mache und glauben, ich höre sie hinten nicht
  • Kollegen werden noch starrer, wenn ich sie im Lehrerzimmer bitte, zu mir ins Büro zu kommen (ich gehe jetzt dazu über, Zettel zu hinterlegen, auf denen ich notiere, dass ich eine Rücksprache wünsche) – ich führe Gespräche einfach lieber in meinem Büro als im Lehrerzimmer, wo doch viele zuhören
  • Ich gebe Aufgaben ab – manchmal erst nachdem ich tagelang ein schlechtes Gewissen mit mir herumschleppte, dass ich mit der Sache noch nichts angefangen habe, bis ich dann merke: Hey, das war meine Aufgabe als Konrektor, also gebe ich sie doch auch dem Konrektor, dem einen oder dem anderen
  • Wir haben eine Lehrerband (erster Auftritt war schon an meiner Amtseinführung, zweiter jetzt an Weihnachten in der Aula) und ich darf den Bass spielen (wer widerspricht mir schon?)

Als wesentliche Baustellen habe ich / haben wir in der Schulleitung u.a. festgestellt, dass wir Abläufe in der Schule nicht nur bestimmen, sondern auch fixiern müssen, um sie transparent zu machen und so zu vermitteln, dass jeder weiß, wann er was zu tun hat. In eingesesssenen Kollegien läuft das in der Regel, mehr oder minder, manchmal auch parallel zu dem wie es eigentlich sein soll. Bei uns gibt es manchmal Reibungsverluste, die wir beheben wollen. Diese Reibungsverluste entstehen z.B., wenn das Kollegium einen großen Wandel erlebt (hier wurde 25% gerade ausgetauscht bzw. aufgesattelt), wenn die Schule noch relativ jung (Wir: 6 Jahre), wenn es altersmäßig recht homogen ist oder man insgesamt größere Veränderungen in den Jahren durchmacht (starkes Wachstum von Schülerzahlen, Umzüge, Wechsel der Schulleitungen.)

Interessant für uns und mich als Schulleiter ist es, dass es ja viele Vorschriften gibt (Schulordungnen, Verwaltungsvorschriften usw.), dass aber jede Schule diese Vorgaben durchaus unterschiedlich auslegt, interpretiert bzw. in unterschiedliche Verfahrensprozesse überführt. Natürlich sind Rechtsvorschriften einzuhalten, daran besteht kein Zweifel, aber selbst diese sind manchmal, wohl auch absichtlich, offener formuliert, so dass es vor Ort durchaus möglich ist, eigenständige Entscheidungen zu treffen. Bei Gelegenheit versuche das hier mal einem Beispiel zu erläutern. Bin grad unsicher, wie weit ich hier grad meinen Kopf aus dem Fenster stecke.

Final zu erwähnen ist, dass gerade das Ende des aktuellen Beurteilungszeitraums eingeläutet wird. Das heißt ich sitze an der Erstellung der dienstlichen Beurteilungen für den Zeitraum 2015-2018. Und damit sind meine Weihnachtsferien eigentlich auch schon umfassend erklärt.

18 Jahre Schulleiter: Öffentlich reden

Anlass: Amtseinführungsfeier
Ort: Aula
Vorbereitungszeit: unklar
Dauer: unklar
Text voll aufgeschrieben, aber recht frei gehalten, stellenweise improvisiert
Letzte Änderung: Eine Stunde vor Beginn
Allerletzte Änderung: 5 Minuten vor dem Halten

Voran: Ich hatte in der Einladungskarte ein Zitat vorangestellt, auf dass die Rede ein wenig Bezug nimmt. Es ist ein Auszug aus dem Roman „Schlaflose Tage“ von Jurek Becker, den dieser Ende der 70er schrieb. Ich habe dieses ausgewählt, weil ich daraus schon in meiner Abiturrede zitiert habe, 1989.

Über den vielgebrauchten Satz, die Schule sei dazu da, die Kinder aufs Leben vorzubereiten, darf er nicht vergessen, dass die Gegenwart ja schon das Leben der Kinder ist. Dass sie schließlich nicht Tote sind, die erst zum Leben erweckt werden müssen.

Ein guter Lehrer muss ein Verbündeter der Kinder sein. Nur auf Grund der Überzeugung, dass die Kinder Verbündete brauchen. Er muss sich dem Kinde verantwortlich fühlen, mehr als der Schulbehörde.

Jurek Becker (1937-1997). Schlaflose Tage.

(5 Minuten vorher, Gedächtnisprotokoll:) Vorwort
Ich weiß nicht genau, wie Sie darauf kommen – in den Reden vorher wurde es erwähnt – dass ich meine Reden spontan halte. Das tue ich nicht. Außer jetzt diesen Teil. Dazu müssen Sie wissen, dass ich heute morgen um 5 Uhr aufgewacht bin – an so einem Tag normal – mit Magenschmerzen. Und diese sind jetzt weg und ich kann eigentlich nur sagen, dass es mir jetzt wirklich gut geht, nachdem ich alle vorangegangenen Beiträge gehört und gesehen habe. Danke dafür.

(Eine Stunde vorher:) Motto
Eine Rede braucht ein Motto, das alles Gesagte irgendwie zusammenhält. Das hat man mir gestern auf Twitter gesagt als ich in die Twitterwelt hineinschrieb:

Es gab viele Antworten und einer meinte, es müsste ein Motto vorangestellt werden. Das fand ich eine gute Idee, denn ich habe das Gefühl, ich brauche auch etwas, was das ganze Folgende irgendwie zusammenhält.
Und da es mir erst heute morgen im Auto eingefallen ist, setze ich es hier an den Anfang.
Neulich auf Twitter las ich einen Tweet, in dem hieß es groß und fett: Lehrer dürfen nicht mehr einfach nur Wissensvermittler sein.
Und ich antwortete spontan: Lehrer waren noch niemals reine Wissensvermittler.

Ich hoffe, das hält jetzt.

Begrüßung
Ich habe mit meiner Mutter neulich telefoniert und obwohl ich ihre Antwort kannte, habe ich sie gefragt, ob sie nicht an dieser Feier teilnehmen möchte. Sie sagte „Nein“, was ich erwartete. Sie war aber nicht so gut drauf, dass sie die Geschichte erzählte, die sie mir seit Jahren, speziell zu Beginn eines Schuljahres oder an Weihnachten erzählt. Sie hätte diese ihnen auch erzählt. In dieser Geschichte komme ich nur am Rande vor, aber meine Mutter beginnt sie mit immer demselben Satz:
„Ich habe es ja immer so gehasst, auf dem Stuhl vor dem Gang zum Zimmer des Direktors zu sitzen…“
Sie können sich denken, wie der Satz weiter geht
„…wenn ich einen Termin hatte, weil DU wieder was angestellt hast.“
Ich will gar nicht darauf eingehen, dass dieser Satz so klingt, als ob das öfter passiert wäre. Etwas später erzähle ich diese Geschichte zuende.

Wenn meine Mutter und meine Tante am Tisch sitzen, so kenne ich es seitdem ich ein Kind bin, werden Geschichten erzählt. In der Regel drehen sie sich um den Krieg, die Zeit davor, die Flucht aus Schlesien, die Zeit danach, Kriegsgefangenschaft, Neubeginn, usw. Wenn Sie auf die Rückseite der Einladung schauen, sehen sie das Schulhaus, in dem mein Großvater 1924 lebte und unterrichtete. Es ist mittlerweile das einzige Haus des Dorfes, was noch bewohnt ist.
Was soll man noch sagen? Dass meine Großmutter die Tochter eines Konrektors aus Breslau und Enkelin eines Schulleiters war? Auf dem Foto auf der Einladungskarte sehen Sie beide.

Und jetzt denken Sie, ich bin der Spross eine langjährigen Dynastie von Lehrern und Schulleitern. Hm, das wäre zu einfach. Aber es erklärt diese beiden Bilder.

Bei meinen ersten öffentlichen Reden seit Februar 2018 ist mir immer derselbe Fehler unterlaufen. Ich habe einfach angefangen zu reden, ohne mich vorzustellen oder irgendjemanden zu begrüßen. Während der Rede fiel es mir dann ein und irgendwie hängte ich es dann dran oder auch nicht. Nicht fein, höchstens originell. Heute möchte ich alles richtig machen – und doch werde ich nicht jeden begrüßen oder erwähnen.

Ich danke jedenfalls Herrn S. dafür, dass er die Planung dieser Feier übernommen hat und z.B. Herrn F. dafür gewann, Musik und Technik für heute zu organisieren, zusammen mit dem Technik-Team der Schüler und Herrn R, der das Schulhaus hier von Anfang an zusammenhält. Hausmeister R, wie man hier an der JPR immer dazu sagen muss. Ich danke den Kollegen, dass sie die Unruhe im Haus gelassen hingenommen haben – Herrn M. von der FOS und seinen KollegInnen ebenso. Hoffentlich auch gelassen. Dank geht an Frau H von der Firma P, deren Arbeit sie im Anschluss bewundern können, wenn sie ans Büffet gehen.
Und bedanken muss ich mich bei den Vorrednern für die freundlichen Worte, die sie gefunden haben. Vielen Dank.

Jetzt gibt es wohl kein zurück mehr – jetzt bin ich Schulleiter. Ein schöner Satz. Ich erinnere mich an einen Kollegen, der meinte mal zu mir: Thomas, ich bin Schulleiter. Ich leite eine Schule mit Hunderten von Schülern, mit über 60 Kollegen. Ich bin der Chef. Und wenn ich nachmittags nach Hause gehe, dann steht da jemand, der sagt mir: Bring den Müll raus. Und dann bringe ich den Müll raus.

Jetzt das zweite Motto: Vor einigen Jahren kam es zu einem Gespräch zwischen einer Schülerin und mir, bei dem es darum ging, dass sie nicht auf die Abschlussfahrt fahren wollte – es ging nach Berlin und ich hatte ihnen davon sehr vorgeschwärmt. Dabei meinte sie am Ende, ich solle es nicht persönlich nehmen. Das hat mich damals verwundert und spontan antwortete ich: Ich glaube, dass das Problem an Schule ist: dass zu wenig Leute etwas persönlich nehmen.

Also, Grußworte – ich werde jetzt mal persönlich – und langsam bekommen sie wahrscheinlich Angst.

Unter ihnen sitzen viele Menschen, über deren Erscheinen ich mich besonders freue.

Es sitzt jemand da, mit der ich das Referendariat durchlebt habe. In deren Auto ich manchmal auf der A73 saß. Das Auto was ich ihr ein paar Jahre später abgekauft habe, als ich endlich meinen Führerschein gemacht habe. Und die erste Fahrt mit dem Auto ging an die Nordsee, die zweite nach Schweden. Hallo Birgit.

Es sitzen zwei Kolleginnen unter ihnen, mit denen ich vor genau zehn Jahren, meines Erachtens auf den Tag genau, in einer Jugendherberge beim Frühstück saß. Und es war damals der erste Tag, an dem ich nach 25 Jahren keine Zigarette rauchte. Damit bin ich seit diesem Tag Nichtraucher, seit zehn Jahren (über 91.000 nicht gerauchte Zigaretten). Hallo Anne und Kerstin – und mit euch der Stammtisch Alexandra, Michi, Steffi, Iris.

Es befindet sich ein Kollege unter ihnen, der vor 15 Jahren parallel zu mir eine 5. Klasse als Klassleiter führte. Und wir duellierten uns verbal oft vor den beiden Klassen, sehr zu ihrer Erheiterung, auch wenn sie der Meinung waren, dass wir uns wirklich hassten. Und eines Tages auf einem Sportfest ließen wir uns hinreißen vor den Augen der Schüler ein Wettrennen zu laufen. Ich meine, ich habe gewonnen, trotz einer Oberschenkelzerrung. Hallo Wolfram.

Und es gibt einige Schulleitungskollegen unter ihnen, mit denen ich in den letzten Wochen und Monaten mehrfach gesprochen habe und die mit mir den Zweifel teilen und die Unsicherheit in unserem Beruf als Schulleiter oder Schulleitungsmitglied. Es klingt konventionell, aber diese Gespräche sind sehr wertvoll im alltäglichen Chaos. Hallo Kurt, Ferdinand, Jürgen, Thorsten.

Ich würde auch gern diejenige begrüßen, die mir die Einladungskarte gebastelt hat – aber ihr Entbindungstermin ist in einer Woche und sie möchte kein Risiko eingehen. Dankeschön Carolin.

Und es gibt einen Kollegen, der leider nicht hier sitzt, weil er vor drei Jahren gestorben ist – und den ich ab und an vermisse, so wie andere Anwesende auch. Hallo Thomas.

Es mag für manche von Ihnen überraschend sein, aber es gibt unter ihnen viele – Lehrer wie Schüler und andere Menschen, die Spuren in meinem Leben hinterlassen haben. Ohne dass sie es darauf angelegt haben. Wie leicht geht das scheinbar.

Ich stelle Ihnen eine kurze Aufgabe, die ich immer wieder Referendaren und Praktikanten stelle, die ich betreue: (Ich lasse sie mal eine Minute damit allein)
Erinnern sie sich an die beste Unterrichtsstunde, die sie selbst als Schüler in der Schule erlebt haben. Berichten sie davon.

Ich weiß nicht, an welche Stunde Sie jetzt gedacht haben, aber ich nehme an, dass die wenigsten von Ihnen wirklich eine Stunde im Gedächtnis haben. Eine Stunde mit einem tollen Arbeitsblatt vielleicht? Oder eine Stunde mit einem wunderbarem Tafelbild, einer fantastischen Gruppenarbeit, Methodenwechseln…

Ich gehe eher davon aus, dass Sie sich an einen tollen Lehrer erinnern. Der Sie begeistert hat für irgendetwas. Einer, der außergewöhnliches Talent hatte eine Klasse zu motivieren. Irgendetwas in diese Richtung.

Mir fällt u.a. ein Lehrer ein, den ich nur in der zehnten Klasse ein halbes Jahr in Politik hatte. Er fiel vor allem dadurch auf, dass er am Stock ging und schneeweißes Haar hatte. Undefinierbares Alter. Ein kluger Kopf.
In einer der Stunden erzählte er uns, wie man ihn als Soldat gegen Ende des Weltkrieges zu einem Erschießungskommando eingeteilt hatte. Und wie er den Befehl verweigerte. Und dafür eingesperrt wurde mit der Androhung, selbst vor einem solchen Kommando zu enden.
Damals rettete ihn die Kapitulation 1945. Den Eindruck, den er auf uns damals machte, können Sie sich vorstellen.

Und wenn man weiter drüber nachdenkt, erhält die Erkenntnis von Hattie – nur um diesen Namen mal zu erwähnen – welche Rede kommt denn in letzter Zeit ohne ihn aus? -, dass der Lehrer zählt, eine andere Bedeutung.

Er meint wohl eher als Gestalter von Unterricht – ich meine aber eben auch als Persönlichkeit, als Vorbild, als Orientierung für die SchülerInnen. Und damit wird er, ob er will oder nicht, zu jemanden, der mehr vermittelt als nur Wissen. Und dessen soll er sich bewusst sein.

Denn wir dürfen nicht aus den Augen verlieren, dass wir als Lehrer immer auch als Persönlichkeit vor den Schülern stehen. Und dass wir diese Sache durchaus sehr persönlich nehmen müssen.
Denn ob wir wollen oder nicht – unsere Schüler sind keine Toten, die erst irgendwann zum Leben erweckt werden.

Sie haben schon ein Leben und wir gehören dazu und hinterlassen Spuren darin.

Und wir können bestimmen, welcher Art diese Spuren sein sollen.

Wenn man mich fragen würde, was ich von Schule erwarte, dann sicher eines: Dass Lehrer als Persönlichkeiten und Charaktere vor den Schülern stehen und ihnen die Möglichkeit geben, sich selbst zu Persönlichkeiten zu entwickeln. Persönlichkeiten, die die Mühe auf sich nehmen, sich eine eigene Meinung zu bilden und zu vertreten. Auch gegen Widerstand, auch wenn es unbequem ist.

Apropos unbequem.

Sie fragen sich am Ende vielleicht, wie die Geschichte von oben weitergeht, wenn meine Mutter sie erzählt.

Sie geht eigentlich so: „Ich habe es immer gehasst im Gang zum Zimmer des Direktors zu warten, wenn du mal wieder etwas angestellt hast. Aber einmal kam dein Klassenlehrer vorbei. Er setzte sich und sagte leise zu mir: Wenn Sie da rein gehen, denken sie daran: Wir müssen Thomas unbedingt den Rücken stärken.“

Auch er war ein Verbündeter.


Jaron Lanier. Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst.

Ich bin ja eher so ein assoziativer Leser, das heißt, ich gerate manchmal auf eine Schiene und dann lese ich mich von einer Fußnote zur nächsten.

Sozusagen.

Und dann kommen verschiedene Motivationen zusammen.
 
Hier kam eine Menge Überdruss und Unzufriedenheit zusammen.

Und dann musste ich auch noch mal „Wem gehört die Zukunft?“ in die Hand nehmen.

Ganz ohne Posting, ohne Manifestationen und Ankündigungen.

Aktuell bin ich hier gelandet.

Auch nicht ganz ohne Grund.

Sozialkunde – leicht gemacht 20: …dann sage ich, brich das Gesetz!

„Wenn aber das Gesetz so beschaffen ist, dass es notwendigerweise aus dir den Arm des Unrechts an einem anderen macht, dann, sage ich, brich das Gesetz.“

Henry David Thoreau. Aus: Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat.

https://www.taz.de/Aus-dem-Hambacher-Forst-in-den-Knast/!5536492/

Thema der Stunde: Ziviler Ungehorsam – die Frage, ob man Gesetze brechen darf.

Der Einstieg ist schnell gemacht, denn das Bild ist eindrücklich genug. Ich habe es anfangs allein gezeigt, ohne Überschrift. Die Botschaft des Bildes konnte man schnell formulieren, wenn man auf den Gegensatz beider Personen eingeht. Welche Art von Verbrechern erwartet man, wenn ein derart ausgerüsteter Polizist daneben steht?

Die Taz-Seite verlinkt weiter unten das Video, auf das sich der Artikel bezieht. Wenn man das zeigt, erfährt man ein wenig über den Hintergrund. Die Punkte/Themen, die „Winter“ anspricht, kann man trotz der schlechten Qualität im Original herausarbeiten:

  • Sozial- und Gesellschaftskritik
  • Kapitalismuskritik
  • Aufzeigen einer idealen Alternative des Zusammenlebens
  • Energie-/Umweltpolitik
  • Moralischer Sieg des Zivilen Ungehorsams

Die Taz-Reportage ist gut gelungen, wenn man mich als Deutschlehrer fragt. Sie war mir am Wochenende in der Druck-Taz schon aufgefallen. Eindrucksvoll, auch weil die Hauptperson nicht als hipppieske Baumumarmerspinnerin erscheint, sondern als durchaus rationale, überlegte, zielstrebige Aktivistin.

Nebenbei lassen sich so auch die Merkmale einer Reportage gut erarbeiten, ebenso wie die Funktion des Bildes.

Was ist Ziviler Ungehorsam?

Im Unterricht selbst hatte ich noch ein AB vom letzten Jahr – da bin ich mit Erich Mühsam eingestiegen – das eine kurze Charakteristik des Zivilen Ungehorsams zusammenfasste – Verfasst hatte es das Aktionsnetzwerk Leipzig, bei dem es um Aktionen gegen rechte Aufmäsche geht: https://platznehmen.de/2010/12/12/ziviler-ungehorsam-haeufige-fragen-und-entgegnungen/#2

Merkmale lassen sich schnell herausarbeiten, danach dann den Ausgangsfall daran abarbeiten. Grundfrage: Taugt eine Rechtfertigung des Widerstands im Hambacher Forst als Form des Zivilen Ungehorsams? Eine Diskussion über Rechtmäßigkeit und moralische Verpflichtung lässt sich anschließen.

Weitere Beispiele lassen sich heranziehen: Rosa Parks, Ghandi. Zu Ghandi gibt es eine eindrückliche Filmszene, die ich letztes Jahr gezeigt habe. Ghandi ruft als Anwalt in Südafrika dazu auf, dass die Passpflicht der „Farbigen“ abgeschafft wird, indem er die Pässe öffentlich verbrennen will.

Weitere Themen

Im Rahmen der folgenden Stunden lässt sich ebenfalls thematisieren:

  • Sinn und Zweck von Gesetzen
  • Was ist Anarchie?
  • Was ist der Rechtsstaat?

Fazit

Es gibt eine Richtung der Sozialkunde, die sagt, dass man aktuellste, umstrittene Themen, die nah am Schüler sind, nicht thematisieren sollte, weil a) die Schüler nicht genug Ahnung haben, um sie zu diskutieren und b) diese Themen eben noch im Fluss sind und damit nicht überblickbar/objektivierbar.

Meine Richtung sagt, dass a) die Schüler ohnehin darüber reden und ich gern hätte, wenn sie ein wenig mehr Faktenwissen dabei einbringen könnten und b) das ganze verdammte Leben im Fluss ist und man es nicht überblicken kann – dass man damit aber eben fertig werden muss und ich auch nicht alle Antworten weiß.

Weiteres Material

1 Auszug aus Thoreaus „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“

2 Erich Mühsam

Freiheit in Ketten

Ich sah der Menschen Angstgehetz;
ich hört der Sklaven Frongekeuch.
Da rief ich laut: Brecht das Gesetz!
Zersprengt den Staat! Habt Mut zu euch!

Was gilt Gesetz?! Was gilt der Staat?!
Der Mensch sei frei! Frei sei das Recht!
Der freie Mensch folgt eignem Rat:
Sprengt das Gesetz! Den Staat zerbrecht! –

Da blickten Augen kühn und klar,
und viel Bedrückte liefen zu:
Die Freiheit lebe! Du sprichst wahr!
Von Staat und Zwang befrei uns du! –

Nicht ich! Ihr müßt euch selbst befrein.
Zerreißt den Gurt, der euch beengt!
Kein andrer darf euch Führer sein.
Brecht das Gesetz! Den Staat zersprengt! –

Nein, du bist klug, und wir sind dumm.
Führ uns zur Freiheit, die du schaust! –
Schon zogen sie die Rücken krumm:
O sieh, schon ballt der Staat die Faust! …

Roh griff die Faust mir ins Genick
des Staats: verletzt sei das Gesetz!
Man stieß mich fort. – Da fiel mein Blick
auf Frongekeuch und Angstgehetz.

Im Sklaventrott zog meine Schar
und schrie mir nach: Mach dein Geschwätz,
du Schwindler, an dir selber wahr!
Jetzt lehrt der Staat dich das Gesetz! –

Ihr Toren! Schlagt mir Arm und Bein
in Ketten, und im Grabverlies
bleibt doch die beste Freiheit mein:
die Freiheit, die ich euch verhieß.

Man schnürt den Leib; man quält das Blut.
Den Geist zwingt nicht Gesetz noch Staat.
Frei, sie zu brechen, bleibt mein Mut –
und freier Mut gebiert die Tat!

3 RWE – Selbstdarstellung

18 Jahre Schulleiter: Coaching Liste

Coaching

Meine Liste von Aufgaben, beim Coaching festgelegt und aufgeschrieben vor zwei Wochen. Unten dann, was daraus geworden ist.

  1. Teller
  2. Büroampel
  3. Jeden Tag eine Scheißaufgabe erledigen.
  4. Rektor des Nachbargymnasiums anrufen und fragen, ob er mich coachen kann.
  5. Grenzen ziehen, Freiräume schaffen.
  6. Mit Dingen beschäftigen, mit denen ich mich schon lang oder immer weniger beschäftigt habe: mehr Golf spielen, wieder mal Angeln gehen, Bass in die Hand nehmen, Internetprojekte, Fotos sortieren
  7. Weniger Multitasking, mehr Fokus auf das, was ich im Augenblick mache
Mein Schreibtisch an dem Vormittag, als ich nach einer Woche auf Fortbildung wieder in der Schule war (eine Woche Post aufarbeiten). In der Regel lege ich meine Stulle oder meine Butterbreze vor der Tastatur ab, alternativ auf einem Aktenordner oder eine Mappe aus Plastik.
  1. Ich benutze jetzt am Schreibtisch immer einen Teller für mein Essen und lege die Butterbreze nicht auf Aktenordnern ab.
  2. Ich habe mir eine Büroampel bestellt, um den Zugang zu meinem Büro neu zu regeln. Kommt morgen.
  3. Ich habe eine DINA4-Seite mit Scheißaufgaben geschrieben, die ich bisher vor mir herschiebe und davon jetzt etwa 75% abgearbeitet, jeden Tag mindestens eine.
  4. Der Rektor des Nachbargymnasiums hat leider auf meine Mail nicht geantwortet. Ich hatte zwei Mal dienstlich mit ihm telefoniert und fand ihn sehr sympathisch. Ich denke, er hat genug zu tun. Aber ich habe mich an eine Direktorin eines anderen Gymnasiums gewandt, die ich schon länger kenne, ja nahezu befreundet bin – und sie fand die Idee ebenso interessant wie ich. Wir haben einen ersten Termin ausgemacht.
  5. Ja. Ich glaube, das ging ein paar Mal.
  6. Mehr Golf – nein – eher weniger, Angeln – nein – kein einziges Mal, Bass – nein, Internetprojekte – nicht wirklich, Fotos – Chaos
  7. Schwierig. Ich merke, dass Dinge leichter von der Hand gehen, wenn ich mich wirklich voll auf sie konzentriere, merke aber im Alltag (gestern), dass ich gern auch davon abweiche und dann ein drei Standardbriefen den ganzen Tag sitze, weil ich mich durch alles Mögliche ablenken lasse, was ich nebenbei erledigen will. Und dann bekomme ich (wirklich nette) Anrufe von der Regierung, dass die drei Briefe wahlweise ein falsches Jahr enthalten, den falschen Paragrafen oder zwei von drei Briefen ohnehin identisch sind, weil ich einen unter zwei Namen abgespeichert habe.
  8. Ich möchte ergänzen, dass es mir auch besser gelingt, den Blick stärker auf die gelungenen Sachen zu richten.

18 Jahre Schulleiter: Alles zurück auf Start

Das neue Schuljahr hat begonnen, nicht ganz astrein, etwas holprig, aber es läuft. Erste Notiz an mich: Nicht immer nur die Fehler sehen.

Kaum hat es begonnen, fahre ich (morgen) nach Dillingen, und zwar zur ersten Kurs-Woche für neu ernannte Schulleiter an Realschulen in Bayern. Es folgen noch eine Woche im Januar und eine in den Osterferien. Einmal querbeet durch die Arbeitsbereiche des Schulleiters auf der Basis eines Gesamtkonzepts. Von morgens 9 Uhr bis abends um 20 Uhr. Unterbrochen von Mahlzeiten und wenn Sie Dillingen kennen: Nein, ich gehe nicht am Abend in den Akademiekeller. Weil ich zu den Menschen gehöre, die ihre sozialen Fähigkeiten als Akku betrachten, dessen Kapazität irgendwann einfach erschöpft ist und nur durch Ruhe und Kontemplation wieder aufgeladen werden kann. Zweite Notiz an mich: Denk an dich.

Beim Vorablesen einiger Unterlagen merke ich, dass es irgendwie doch ernst wird. Ernster noch als im vergangenen Halbjahr, wo ich mich immer rausreden konnte damit, dass ich ja nur die Vertretung bin. Dritte Notiz an mich: Lass dich endlich drauf ein, Chef. Der 5. Klässler, der auf dem Gang neulich hinter mir her lief und laut rief: „Hallo, Herr Direktor“ hat es ja auch kapiert.

Eine deutliche Veränderung aber ist der reduzierte Unterricht, der sich aktuell auf zwei Sozialkundeklassen beschränkt, also vier Stunden. Neulich kam mir der Gedanke, dass sich das auf Dauer nicht ändern wird. Dass ich auf Jahre hinaus wahrscheinlich mindestens eins meiner drei Fächer nicht mehr unterrichten werde. Ob das schade ist? Ob mir der Unterricht fehlt? Nicht wirklich muss ich sagen. Aus mehreren Gründen. Zum einen natürlich, dass ich so viel anders zu tun habe, dass daneben nicht wirklich noch ein großer Stundensatz Unterricht bewältigt werden kann – und das meine ich zeitlich und inhaltlich. Zum anderen übernehme ich aber jetzt natürlich auch die Beurteilung der KollegInnen, was Unterrichtsbesuche mit einschließt. Und vor allem auf die Unterrichtsbesuche freue ich mich, denn wann hat man sonst die Gelegenheit so viele ganz verschiedenen LehrerInnen in ihrem Unterricht zu sehen?

Was ansteht und mir quer hängt, ist die Amtsantrittsfeier. Es gibt Personengruppen, die mich sanft aber bestimmt dazu brachten, von meiner Antihaltung (ich kenne da noch einen Kollegen, der dieselbe Haltung hat) abzurücken. Man erklärte mir (und ihm), dass diese Feier durchaus wichtig sei, um sich, den KollegInnen und der Öffentlichkeit drumherum zu zeigen, dass man jetzt der Chef ist. Unsere Ablehnung, so klärte man mich auf, da wären wir ja nicht die einzigen, sei normal bei Konrektoren, die schon vor der Ernennung zum Schulleiter die Schule führen mussten, weil der Chef aus unterschiedlichsten Gründen nicht mehr aktiv war. Und dennoch: Die Vorstellung, dass Leute vor anderen Leuten über mich reden und das noch in meiner Anwesenheit, erzeugt in mir Unwohlsein.

Unterm Strich aber versuche ich grad nebenbei mein Leben neben dem Job zu stärken, denn zugegebenermaßen ist dies deutlich zu kurz gekommen. Selbst in den Ferien habe ich das Gefühl gehabt, dass es grad mal dazu reichte, Schlaf nachzuholen. Dies umso wichtiger, da dieser Blog zu einem Schulleiter-Blog verkommt.

Die E-Bike-Geschichte hat sich etwas festgesetzt. Die würde ich gern weiter verfolgen, vor allem, weil mir seit einiger Zeit das Autofahren auf den Senkel geht. Rund um und in Nürnberg werden grad Autobahn- und Straßenbauprojekte durchgezogen, die den Verkehr auf allen meinen möglichen Strecken nahezu täglich schwer machen. Neulich, ich saß im Auto und versucht zur Schule zu kommen, meldete der Vertretungsplanmacher über Threema, dass er jetzt aufgebe, den Plan weiter zu machen, weil immer mehr Lehrer sich meldeten, die irgendwoe stecken geblieben waren, er würde jetzt einfach nach Gehör durchs Haus gehen und die lehrerlosen Klassen einsammeln.

Im Oktober, nach Dillingen, steige ich für vier Wochen auf den ÖPNV um, um den anzutesten und wenn der Winter rum ist, könnte das Fahrrad eine Lösung sein – wie ich hoffe, für mehrere Probleme, nicht nur den Verkehr.

Ist das jetzt noch Nischen-Bloggen oder schon Tagebuch, Herr Rau?

Ich bin letzte Woche 49 geworden.

Der tägliche Stoiker. Ryan Holiday.

Entdeckte ich kurz vor Beginn des 2. Halbjahres im Februar letzten Jahres, in dem ich allein in der Schulleitung arbeitete. Kurzausschnitte aus den philosophischen Werken Senecas, Marc Aurels und Epiktets, mit mehr oder weniger passenden Auslegungen und Mordernisierungen. Das Problem war, dass meist die Überschrift jeder Seite schon eine Deutung enthielt, die dann beim Lesen des Auszugs störte – ich gewöhnte mir nach einiger Zeit an, diese auszublenden.

Schien mir aber insgesamt eine gute Lektüre für meine Situation zu sein. War es insofern auch, da ich mir die drei Hauptwerke der drei Autoren, die darin angesprochen waren, dann schließlich doch in Übersetzung als Ganzschrift in einem Antiquariat besorgte und weitgehend las. Insofern gut.

Wichtigster Grundgedanke: Den Unterschied erkennen zwischen den Dingen, die man ändern kann und denen, die nicht in der eigenen Macht liegen.

Lieblingszitat: „Sei misstrauisch, wenn man gut von dir spricht.“