20 Jahre Lehrer: Hunde, wollt ihr ewig leben? – Ein Vortrag, den ich immer meinen Lehrern halten will

2002 war ich drei Jahre im Dienst und fiel in meiner Schule im Winter auf dem Weg zum Klassenzimmer eine nasse Steintreppe hinunter. Mir zog es die Füße nach vorn weg und ich rumpelte auf dem Hintern die Stufen hinab. Unten angekommen rang ich nach Luft, rappelte mich auf, nahm meine Tasche und ging ins Klassenzimmer. Dort merkte ich, dass ich ganz schön wacklig auf den Beinen war und setzte mich auf den erstbesten Schülerstuhl, winkte besorgten Schülergesichtern zu und meinte nur, dass ich grad mal durchschnaufen muss. Dann stand ich auf und machte meinen Unterricht.

Ich ging nicht zum Arzt, meldete nichts. Habe bis heute an der Stelle, die mir damals weh tat, Schmerzen, wenn ich an langen Korrekturen sitze.

Irgendwann später merkte ich mal an einem Montag beim Frühstück, dass ich nur unter Schmerzen schlucken konnte. Dienstag dasselbe. Mittwoch dasselbe. Donnerstag dasselbe. Freitag war es besser. Ich ging auf dem Heimweg zum Arzt. Der meinte: „Jetzt hätten Sie auch nicht mehr kommen müssen.“ Diagnose: Kehlkopfentzündung und angegriffene Stimmbänder.

Noch ein paar Jahre später hatte ich eine Bronchitis. An einem Freitag unterrichtete ich vormittags drei Stunden. Fuhr danach nach Nürnberg und hielt einen Vortrag von 90 Minuten. Danach fuhr ich nach München und hielt abends einen weiteren Vortrag von 90 Minuten. Ich schlief schlecht und am nächsten Morgen hatte ich keine Stimme mehr. Eine Woche lang. Diagnose: Kehlkopfentzündung und angegriffene Stimmbänder.

Seitdem kann ich leider nicht mehr anhaltend in der Aula Reden halten ohne Verstärker, weil meine Stimmbänder dann blockieren. Aber ich hatte beschlossen, dass ich jetzt immer gleich zum Arzt gehe, wenn es mir schlecht geht und ich mich schonen will.

Einmal (2017) merkte ich, dass ich zwischen Januar und März nie wirklich gesund war. Eine Infektion jagte die andere. Auf dem Höhepunkt ging mein Blutdruck durch die Decke. Ein Checkup ergab, dass wesentliche Blutwerte irgendwie aus der Bahn geworfen waren. Vitamin D, so hieß es, war quasi nicht mehr vorhanden.

Seitdem wird mein Blutdruck medikamentös eingestellt – ganz niedrige Dosierung sagt mein Hausarzt. Der sagte auch, ich solle das mal abchecken lassen. Er ist normal eher cool. Wenn er besorgt schaut, bin ich auch besorgt. Also ging ich: Pneumologe, Kardiologie, Sportmediziner. Dann entdeckte man die Schlaf-Apnoe und mit Beginn der Therapie merkte ich zum ersten Mal seit Jahren, was ein erholsamer Schlaf wert sein kann.

Witzig die Diagnose-Gespräche mit den Ärzten, jedes Mal: Hmmm, was machen Sie beruflich? Ah, in der Schulleitung…hmmmm…achso, na klar…dann…nix organisches…

Mit meinem Hausarzt feilsche ich auch immer. Sein Standardsatz, wenn es um Krankschreibung geht: „Ja, Herr Kuban, Sie wissen ja, wie ich darüber denke…eine Woche!“ Wir landen dann immer so bei drei Tagen.

Er sagt auch, dass man, wenn man Antibiotika nimmt, sich nicht belasten soll. Also daheim bleiben.

Vor etwas mehr als einem Jahr (2018), die Phase, in der ich allein kommissarischer Schulleiter war, entwickelte sich ein Insektenbiss bei mir zur Schwellung und dann zur roten Linie, die den Arm hochkroch. Irgendwann wurde es mir unheimlich und ich bin dann Sonntagabend in die Notaufnahme gefahren. Die haben mich ein wenig versorgt und wieder heimgeschickt. Am Montag war keine Besserung in Sicht und ich bin zum Hausarzt. Der lachte und zeigte meinen Arm in der Praxis rum. So eine feine Lymphangitis hatte er schon lang nicht mehr gesehen.

Er verschrieb Antibiotika und am Dienstag ging ich wieder in die Schule. Mit einem Feuchtverband, der regelmäßig befeuchtet werden musste und den Schreibtisch einsaute.

Ich erzähle gern Anekdoten. Wenn ich die letzte Geschichte jemandem erzähle, erschrecke ich eigentlich über mich selbst. Echt. Das ist blanker Irrsinn.

Ich spreche mittlerweile die Kollegen, die ich krank erkenne, an. Und manche bitte ich so freundlich wie es geht, dass sie nach Hause gehen sollen. Letztes Jahr habe ich es nur mit einer schriftlichen Dienstanweisung geschafft bei einer Kollegin. Sie war böse, ich war wütend – wir haben uns auf dem Gang vor dem Lehrerzimmer gestritten.

Aber ich weiß, dass es keine Orden gibt. Und Danke sagt ganz sicher auch niemand.

Meine Tätowierungen

Unteram, innen.

Am Anfang stand der 40. Balken der Turmbibliothek von Michel de Montaigne. Montaigne zog in seinen Turm als er sich in seinen 30ern alle Ämter und Würden ablegte, um in diesem Turm nur noch zu schreiben, und zwar über sich. (Er hatte es bis dahin zum persönlichen Berater des Königs „geschafft“)

Die Zitate, die er an die Deckenbalken brennen ließ, hatten nach meiner Ansicht die Funktion, ihn am Denken zu halten. So auch das Solum certum nihil esse certi: Sicher ist nur, dass nichts sicher ist.

Für mich war es ursprünglich die Erinnerung an einen gleichaltrigen Kollegen, der vor ein paar Jahren starb, einfach so. Nichts ist sicher.

Daher mochte ich den fast nihilistischen Anstrich. Daher auch das Papierboot.

Doch eigentlich irrte ich mich, denn ursprünglich könnte man es eher als Leitsatz der Skeptiker bezeichnen. Denn die Anerkennung, dass nichts sicher ist, ist in ihrem Sinn der Ausgangspunkt für alles Forschen, alle Neugier. Daher der Leuchtturm.

Unterarm, außen.

Die weiteren Gespräche mit der Tätowiererin kamen zu dem Schluss, dass der Arm, wenn er denn gefüllt wird, ein einheitliches Thema besitzen sollte. Daher nannte ich ihn von nun an „den maritimen Arm“. Als nächstes sollte dann ein Wasservogel drauf. Der musste für mich einen eher stoischen Charakter haben. Ich mag die Vögel an der Nordsee sehr, die auf den Anlegestellen sitzen und kaum in Hektik ausbrechen – außer es gibt irgendwo Futter.

Der hier guckte am Ende etwas böse, aber das war ok.

Unterarm, hinten. (ich habe dreieckige Unterarme)

Die Rückseite des Arms ziert ein Schlepper. Das sind die kleinen Boote im Hamburger Hafen, die die großen Pötte dirigieren, ziehen und schieben, so dass sie in die einzelnen Hafenbecken gelangen können.

Klein, gedrungen, wendig und stark. Eigenschaften, die mir erstrebenswert gelten in meinem Beruf.

Ich werde morgen 50. Und in Gedanken plane ich schon den anderen Arm. Die Grundlage soll die Weiterführung des Satzes oben sein. Solum certum nihil esse certi et homine nihil miserius aut superbius. Einzig sicher ist, dass nichts sicher ist und nichts elender und überheblicher als der Mensch.

Ja natürlich ist das ein Ego-Trip. Natürlich will ich auffallen und angeben. Natürlich ist das Midlife Crisis. Natürlich sind das Malereien zum Bannen der bösen Geister.

Daher das Ankerherz.

Nachtrag

Neulich war ich bei meinem Fahrradhändler.

Im Laden angekommen stürmten gleich zwei Mädchen auf mich zu, etwa 5 Jahre alt. Und sie fragten mich aus.

Wie heißt du?

Hast du eine Frau?

Wie heißt die?

Hast du Kinder?

(Nein, aber Katzen)

Wie heißen die?

Den Eltern im Gespräch wurde das langsam peinlich. Mir wurde warm und ich zog meinen Jacke aus und krempelte die Ärmel vom Pullover hoch. Erstaunte Gesichter starrten auf meinen Arm.

Boah, du hast dir auf den Arm gemalt.

Das darf man nicht.

Darfst du das?

Geht das wieder ab?

Fahrrad fahren – von Köln nach Oldenburg II

Etappe 3: Von Lipporg nach Porta Westfalica

Meine mangelhaften Geografiekenntnisse sind legendär. Man konnte mich bei Trivial Pursuit immer mit den blauen Fragen besiegen. Immer. Aber ich habe wirklich immer gedacht, dass Porta Westfalica nicht ein echter Name eine deutschen Stadt ist. Das hatte in etwa so den Status wie Castrop Rauxel oder Bielefeld.

Ein Storch kurz vor Kesseler.

Dennoch peilten wir diese Stadt an am dritten Tag. Eigentlich sollte es ein ruhiger Tag werden, da wir aber am Tag vorher 30km zu wenig auf der Uhr hatten, mussten wir das jetzt drauf legen.

Manche Dorfansichten erinnerten mich an meine Tour in Niederbayern.

Daher gab es auch wenig Bilder. Wir sind geradelt. Einfach geradelt.

Nahe Luster Heggeney (Das gibt es auch wirklich)
Die Lippe in Lippstadt.

Ich kann mich an ein „Westfälisches Krüstchen“ in Delbrück erinnern, also ein Schnitzel auf Toast mit Spiegelei. Aber dann waren wir plötzlich in Porta Westfalica. Wir sind, glaube ich, recht stur geradelt. Die Landschaft war nicht so erinnerungsfähig. Vielleicht versuche ich das das nächste Mal vorher durch Twitter zu jagen und lasse mich zum Campen in die Gärten meiner Leser einladen. Und dann kann man mir auch die schönen Landschaften zeigen.

So ging das.

Die Küche war an diesem Abend nicht ganz so ausgeprägt, was auch daran lag, dass der Campingplatz weder eine Gastronomie noch einen Supermarkt hatte. Jedoch geht mit Wasser und dem Inhalt mitgeführter Tüten dann doch eine Menge.

Aber für Leute, die Ravioli auch kalt aus der Dose löffeln würden, war das schon hohe Kunst.
Nur das nächste Mal nehme ich mir entweder die richtige Gas-Kartusche für meinen Kocher mit oder besorge mir gleich den legendären Trangia. So mussten wir leider nacheinander kochen.

Etappe 4: Von Porta Westfalica nach bei Oldenburg

Ich schreibe immer Oldenburg, aber erwähne natürlich nicht den echten Namen der Ortschaft, in der meine Mutter und mein Bruder wohnen. Das ist ja klar.

Wir änderten unsere Tour am vierten Tag. Ursprünglich war vorgesehen über einen großen Bogen in Richtung Oldenburg zu gelangen, von Porta Westfalica aus in zwei Tagen mit lockeren Etappen. Nächster Stopp Drakenburg, hinter Nienburg – ich hätte versucht noch einmal das Steinhuder Meer zu sehen – und dann von dort aus Richtung Oldenburg.

Leider war schon wieder Regen angekündigt und da hatten wir keine Lust drauf – also keine Lust im Regen das Zelt auf- und abzubauen.

Wir fuhren den direkten Weg und hatten schon wieder 110km vor uns.

Das gesamte Gepäck.

Das Navi kannte sich auf dem Campingplatz gar nicht gut aus, was dazu führte, dass wir freihändig dorthin fahren musste, wo sich Komoot wieder auskannte.

Die Porta Westfalica war, so hatte ich schon aus der Karte erschließen können, offenbar wirklich eine Porta, nämlich ein Gebirgseinschnitt, den man in Richtung Norden durchqueren konnte. Und das war auch das erste Ziel: Minden, was hinter diesem Einschnitt liegt.

Und hier noch so eine Porta.

Dahinter stießen wir auf die Weser zu und mit ihr ging es in Richtung Norden.

Und bald schon erreichten wir den Nordpunkt NRW. In Preußisch Ströhen.

Ortsschild in Preußisch Ströhen.
Landschaft viel so.
Und das schon die letzte Kurve vor meiner Mutter.
Bushaltestelle auf dem Land.

Landschaftlich war in Niedersachsen wieder nicht viel geboten. Landwirtschaftlich geprägt, weite Felder.

Der Sohn des Kochs aus Lipporg antwortete mir, als ich ihn fragte, was denn der Unterschied sei zwischen seinem Landstrich (Ostwestfalen) und Niedersachsen, die mir sehr ähnlich vorkamen: „Ja, sieht fast aus wie hier – nur die Felder sind größer.“

Sehr oft auch das, was ich in meinem Kopf immer als die „Geflügel-KZs“ bezeichne. Man möge mir das verzeihen – ich bin weit davon entfernt, etwas zu verharmlosen. Aber als Geschichtslehrer hat man so seine Bilder im Kopf, wenn man so etwas sieht:

Hier werden Truthähne gemästet.

Tiere aber auch abseits, z.B. eine sterbende Natter, die ich noch auf den Wegrand legen konnte.

Und die letzten Meter vor dem Ziel.
Die letzte Etappe.

Unterm Strich eine schöne Tour. Sie hätte noch zwei Tage länger dauern können, aber dafür ist ja auch noch in anderen Ferien Zeit.

Richtig ätzend war durchgehend, dass sich wirklich alles auf den Autoverkehr konzentriert. Denn obwohl es Fahrradwege gab neben den Straßen, waren diese kaum zu benutzen, weil die Wurzeln der Bäume sie zu einem Waschbrett gemacht hatten. Oftmals wichen wir auf die Straße aus, weil die grandios glatt geteert war. Man hupte, aber es war uns egal.

Interessant aber fand ich jedenfalls die Erfahrung, dass es mit dem Radeln UND dem Campen gut klappt. Ich hatte zwar wenig Platz auf dem Rad (das lasse ich grad durch den Anbau eines vorderen Gepäckträgers ändern), aber es reicht aus. Und wenn ich meine Ausrüstung noch etwas intelligent ergänze, dürfte dem Zelt nichts weiter im Weg stehen.

Ganz oben auf meiner Packliste stehen aber in Zukunft Magnesiumtabletten. In der ersten Nacht im Zelt wachte ich nämlich nachts um drei auf und hatte in beiden Beinen Krämpfe bis zur Hüfte und jede Bewegung, die entlasten sollte, machte es eigentlich schlimmer. Der regelmäßige Einwurf von Magnesium in den Folgetagen konnte das dann verhindern.

Was ich sehr genossen habe, war das stundenlange Radeln, bei dem ich mit P. und mit mir allein war. Ich habe viel im Kopf bewegt. Wenn ich auch nicht wirklich etwas lösen konnte, merkte ich später, dass sich zumindestens etwas gelockert hatte, was dann später in Bewegung kam. Insofern war es ein sehr erfolgreicher Urlaub.

Fahrrad fahren – von Köln nach Oldenburg I

Meine erste längere Radtour machte ich 1983, als ich noch in Hamburg zur Schule ging. Unser Klassenlehrer riskierte es, mit uns 50 km von Lüneburg nach Hitzacker in die Jugendherberge zu radeln. Anfahrt mit dem Zug, dann mit fast 30 8. Klässlern (wilde Klasse) an der Elbe entlang (nicht direkt, wie ich in Erinnerung habe…aber es muss in der Nähe gewesen sein). Erst als ich selbst Lehrer geworden war, habe ich diese Klassenfahrt wirklich hoch einschätzen können – ich kenne kaum Klassenlehrer, die so etwas unternehmen würden.

Mein damaliger bester Freund B., der damals auch bei der Radtour in meiner Klasse dabei war, besuchte mich später dann im Bergischen und wir machten ca. 1986 erneut eine Radtour, in Erinnerung an damals.

Damals gab es noch kein GPSTracking bei den Bildern. Aber ich meine das wäre irgendwo hinter Siegen in Richtung Westen.

Schieben mussten wir damals oft.

Diese Radtour war ungeplant (es sollte Richtung Gummersbach/Olpe gehen). Sie fand im März statt und wir starteten also im Regen. Und während ich ohne Gänge auf einem Hollandrad fuhr, dass ich noch aus Hamburg mitgebracht hatte, konnte mein Freund wenigstens zwischen drei Gängen wählen. Die Lenkertasche bestand aus einem alten Kinderrucksack, den ich bei meiner Tante irgendwo im Keller gefunden hatte. Darin ein Kassettenrekorder mit Batterien, auf dem vier Tage lang ununterbrochen The Cure und The Smiths lief. Es gab ja damals nichts: kein Walkman, kein Smartphone, kein Spotify – ach. Auch keine Funktionskleidung übrigens, dafür ein Regencape in grün. Am zweiten Tag ging der Regen in Schnee über, der von vorbeifahrenden LKWs gern auf mein gespanntes Cape geschleudert wurde.

Ansonsten: Bier und selbstgedrehte Zigaretten.

Heute:

Riese und Müller, Ortlieb, Jack Wolfskin – um mal den Werbeblock einzuschalten.

Etappe 1 Nürnberg – Köln – Syburg (am Fuße der Hohensyburg)

Die Tour wurde geplant von meinem Freund P., mit dem ich zwischen 16 und 18 mehr zu tun hatte. Wir verbrachten u.a. 1987 zu dritt mit T. ein paar Wochen in einem Vorort von Paris, wo die Eltern ein Haus aus Familienbesitz renovierten. Wir arbeiteten ein wenig mit und hatten die restliche Zeit komplett für uns. Ein unglaublicher Sommer.

Am Morgen mit dem Blick aus dem Fenster um 5 Uhr war ich etwas am Zweifeln.

Danach wechselte er die Schule und wir verloren uns aus den Augen. Er heiratete recht schnell, ich war dann noch eingeladen, aber danach trennten sich unsere Wege vorläufig – für gut 20 Jahre. T. ging danach für ein Jahr in die USA, kam wieder, heiratete dann auch, machte mich zu seinem Trauzeugen. Aber das war es dann auch schon. Unser Trio löste sich auf. Aber wir hatten viele Geschichten. Das merkten wir im letzten Jahr, als wir zum ersten Mal seit 1997 wieder zu dritt unterwegs waren.

Aber als ich auf dem Weg zum Haupbahnhof in Nürnberg folgenden Anblick hatte, war ich zufrieden mich überwunden zu haben.

Als ich ca. 2012 beruflich in Köln zu tun hatte, meldete ich mich über Facebook bei P. und wir schafften ein Treffen. Und es war im ersten Moment wieder eine Vertrautheit da, die man so wohl wirklich nur bei Freunden aus seiner Jugend findet. Danach versuchte ich jährlich zu kommen, was nicht immer klappte, aber reichte für Spaziergänge durchs Belgierviertel in Köln oder das Kwartier Latäng – mit angenehm übertriebenem Alkoholkonsum und Übernachten auf dem Sofa, als wenn man noch mal 18 wäre. Es hatte sich als Tradition genau die Karnevalswoche eingependelt, hier in Bayern eine Ferienwoche und ich machte 24h-Urlaube draus.

In der Bahn selbst war anfangs viel Platz, das änderte sich dann aber. Zu allem Unglück war ich in den falschen Waggon eingestiegen, der aber dieselbe Platznummeriung hatte wie im richtigen Wagen. Das habe ich bis heute nicht verstanden.

Eine erste Fahrradtour unternahmen wir hier von Nürnberg nach Regensburg in zwei Etappen an Pfingsten 2018. Meine erste Tour nach 15 Jahren, desaströs. Aber P. meinte ganz wertneutral, ich sollte es doch mal mit einem E-Bike versuchen. Das tat ich dann.

Über die Mühlheimer Brücke dann nach Nordost. Vor mir mein Freund P.

Und dann kamen wir nach einigem Hin- und Her auf die Tour von Köln nach Oldenburg.

Ein letzter Blick auf den Kölner Dom.
Von Köln aus ging es dann ins Bergische Land, welches seinem Namen alle Ehre macht – und ja, ich weiß, dass der Name nicht von den Bergen kommt, sondern vom Herzogtum derer von Berg (ursprünglich Grafen) – ach, kann man alles in Wikipedia nachlesen..

Ich mag es übrigens total gern, wenn ich Orte, die mir einigermaßen vertraut waren in der Vergangenheit, Jahre und Jahrzehnte später dann mit dem Fashrrad entdecke. Daraus ergeben sich ganz andere Perspektiven. Ich nutze daher u.a. einen Fahrradverleih, der deutschlandweit in den Großstädten Räder anbietet. Aber wenn es geht, nehme ich ab diesem Jahr eben auch mein eigenes mit.

Hagen, Symbolbild.

Aus dem Bergischen kamen wir dann nach Hagen, was eine recht traurig anmutende Stadt ist. Dies Trostlose war bei vielen Städten in der Region zu erkennen. Ich dachte ursprünglich, man hätte viel im Ruhrgebiet erreicht nach dem Wegbrechen der Kohleförderung, aber das hatte wohl noch nicht alle erreicht.

Hagen, Rangierbahnhof.
Idyllisch wurde es dann erst wieder an der Hohensyburg, wo wir den Campingplatz erreichten.
Einzelzimmer, war klar.

In Hohensyburg auf dem Campingplatz trafen wir Manfred, der aus der Pfalz kam und jedes Jahr Radtouren quer durch Deutschland unternimmt: 1000 bis 2000km am Stück, über mehrere Wochen. Ich wollte ihn noch fragen, was seine Frau dazu sagt, aber er wirkte sehr zufrieden. Allerdings auch sehr redselig, was nicht so meine eigene Art ist. Zum Glück war ich mit einem Rheinländer unterwegs, der das Reden übernahm. Ebenfalls allein unterwegs war eine Dame, die gut zehn Jahre älter war als wir und dort auch mit Rad campte. Sie war auf dem Weg nach Bremen, um dann mit dem Zug nach Hamburg zu fahren, wo sie lebte.

Ich bin immer wieder überrascht wieviele Menschen mit dem Fahrrad allein unterwegs sind. Wenngleich ich an Pfingsten ebenfalls allein war und schon weitere Touren plane. Wenngleich zeitgleich mit uns ein von mir geschätzter Kollege aus der Gegend, wo wir übernachteten, ebenfalls auf eine langen Tour unterwegs war.

Überblick, erster Tag. 120km (ich hatte noch die 15km zum Bahnhof Nürnberg)

Etappe 2: Von Hohensyburg nach Lippstadt (endend in Lipporg)

Mein Freund P. übrigens meinte gleich nach dem Losradeln in Köln zu mir, dass er es gewohnt sei, allein zu radeln und wenn man zu zweit sei, ginge das schon auch, jeder in seinem Tempo und seinem Trott, jeder mit sich selbst beschäftigt – und in Gedanken ergänzte ich: jeder mit seinen eigenen Dämonen.

Tag 2 sollte die Ruhrgebietsroute werden.

Spartanisches Frühstück, nachdem es in der Nacht geregnet hatte.
Umso besser dann das zweite Frühstück in Dortmund, wo es beim REWE Mettbrötchen für einen Euro das Stück gab. Ich unterbrach sofort meine vegetarische Diät (die ohnehin eine pescatorische Diät war)
Datteln-Hamm Kanal, Höhe Lippoltshausen
Lippoltshausen
Kurz vor Werne
Und dann kam das Wetter hinter uns.
Und erwischte uns, so dass wir in den Hauptbahnhof von Hamm flüchteten, nass bis auf die Knochen.

Das ursprüngliche Ziel war ein Campingplatz hinter Lippstadt, aber wir waren so entnervt, dass wir deutlich früher in Lipporg ein kleines Hotel mit Gaststätte ansteuerten. Und dort war ich nicht nur wegen des Betts sehr froh, sondern auch, weil wir auch ein sehr starkes Abendessen bekamen.

Wir kamen mit dem Koch ins Gespräch und ich wollte wissen, was denn in Ostwestfalen-Lippe so als regionale Küche gilt. Danach wurde das Gespräch länger und am Ende zog er sich in die Küche zurück und es gab nach einiger Zeit:

  • eine westfälische Hochzeitsuppe (stand schon auf der Karte)
  • ein Braten aus der Schulter, lang und langsam gegart, mit einer Jus und einem frisch zubereiteten Stielmus (wurde für uns zubereitet, also Letzteres)
  • Rosenblüteneis mit Rosenblütengelee auf Vanillejoghurt (Karte)
Rosenblüteneis

Sollten Sie in der Gegend unterwegs sein, kehren Sie ein im Gasthof Willenbrink. Unbedingt.

Strecke am zweiten Tag. 80km.

P. und ich sind auf unterschiedliche Weise ähnlich extreme Charaktere. Und wir haben extreme Wendungen grad hinter uns oder vor uns. Dass wir uns treffen, mag daher kein Zufall sein. Ich bin jedenfalls froh, dass er aktuell da ist.

Wir sehen uns in zwei Wochen wieder. Da findet das 30jährige Abiturtreffen statt.

Dritter und vierter Tag der Tour folgen.

17 Jahre Schulleiter: Urlaub

Service-Posting: Schulleitung und Ferien.

Die überraschendste Änderung im Schulleiterleben war – und das schon letztes Jahr – dass man als solcher seinen Erholungsurlaub direkt im Kultusministerium bekanntgeben muss (natürlich auf dem Dienstweg über die Dienststelle des Minsterialbeauftragten).

Mein Erholungsurlaub beginnt also heute am 5. August, das ist die zweite Woche der regulären Ferien und dauert bis zum 22. August. Das entspricht genau den Wochen, in denen das Schulsekretariat nicht bsetzt sein muss. Am 28. wird es wieder besetzt sein und in jener Woche werde / soll ich wieder dienstlich ansprechbar sein, wenn auch nicht an der Schule, jedenfalls nicht durchgehend.

Die Sommerferien sehen also so aus:

  • in der ersten Woche werden noch Anmeldungen durchgeführt, z.B. vom Gymnasium, die dort nicht wiederholen können oder wollen (die Fluktuation an Schülern in Nürnberg ist enorm, wir bekommen in der Regel hier noch mal Schüler in Klassenstärke) gemacht, dann Ablage im Büro (habe ich nicht geschafft), dann Unterrichtsplanung und in diesem Jahr am Freitag noch einmal in fast voller Besetzung das Durchsprechen und Planen von Aufgaben des vergangenen Jahres und des kommenden Jahres
  • drei Wochen Urlaub
  • eine Woche langsam wieder hochfahren (brauchte ich letztes Jahr nicht, weil ich gar nicht erst runtergefahren bin)
  • dann eine Woche mit Nachprüfungen, Aufnahmeprüfungen, Unterrichtsplanung, Beginn Stundenplanvorbereitungen, Personalabsprachen

Und ja, ich bedaure das am meisten: Dass die Ferien sich so sehr verkürzen. Aber ich denke auch, dass dies vor allem ärgerlich ist, weil ich so große Probleme habe, wirklich zu entspannen und abzuschalten.

Ich arbeite dran.

Anlass für das hier war entsprechend auch der Beitrag von Timo Off.

PS: Ich fahre jetzt nach Aichach. Ene paar Kollegen aus anderen Regierungsbezirken treffen. Motto wird sein beim Schweinebraten: Man darf über Schule reden, muss aber nicht.

17 Jahre Schulleiter: Öffentlich reden

Ort: Turnhalle, Realschule
Anlass: Abschlussfeier
Vorbereitungszeit: Eine Woche, 24h vor der Feier aufgeschrieben, 2 Stunden vor dem Halten geändert
Stil: recht frei gehalten, während der Rede Passagen wieder eingefügt, die schon draußen waren
Dauer: 10 Minuten

Hinweis: während des Vortrags sollten Bilder meine Rede unterstreichen (Power Point) Ich verwende hier andere Bilder wegen Urheberrecht und so, bzw. verlinke sie. Es ging einiges durcheinander. Ich war so aufgeregt, dass ich dauernd die falschen Knöpfe auf dem Presenter drückte. Daran muss ich noch arbeiten.

—————————————————–

Früher war ja eigentlich alles viel besser.
Das wissen wir alle.
Als ich so alt war wie ihr jetzt.
Fleißiger und so.

Wir hatten ja Ahnung vom Leben. Ihr bekommt ja alles geschenkt.
Wir hatten ja nichts.
Damals.

Sehr geehrte Schülerinnen und Schüler, sehr geehrte Eltern und Angehörige, sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, sehr geehrte Gäste,

Ich provoziere. Natürlich.

Wie letztes Jahr möchte ich kurz, mehr als zehn Minuten habe ich ja auch heuer nicht, ein paar Erlebnisse aus meiner Schulleiterperspektive erwähnen, die für mich sehr prägend waren. Und die euch als Jahrgang von den anderen vorangegangenen unterscheidet. Ich sammle immer wieder Geschichten. Ich erzähle von einzelnen SchülerInnen und meine euch alle.

Vor einem halben Jahr bat ich einen Kollegen, dass er doch bitte ein paar Dinge, die noch in meinem Büro lagerten von dem Radioauftritt, den unsere Schule bei Star FM absolviert hatte, abholen sollte. Er nahm sich sechs Jungs aus der Klasse, die er grad unterrichtete und kam vorbei. Als diese in meinem Büro standen, schaute ich sie nacheinander an und merkte: Vor mir stehen drei Disziplinarausschüsse und drei sehr ernsthafte Gespräche in meinem Büro. Einer von ihnen war der erste Schüler, der zu mir geschickt wurde als ich an der N3 anfing. Dreien von ihnen hatten wir die Entlassung angedroht.

Sie alle hatten Regeln gebrochen. Und alle hatten die Konsequenzen dafür erlebt. Und alle reden noch mit mir. Und alle grüßen mich auf dem Gang.

Und Abdullah gibt mir manchmal eine Faust auf dem Gang.

Wichtig: Und alle sechs sitzen da unten und haben den Realschulabschluss geschafft.

Glückwunsch euch – und eurer Klassenleiterin und den Lehrern.

Mit diesem Foto begann dieses Jahr mein Sozialkundeunterricht.

Stammt aus der taz (tolle Reportage wieder mal):
https://taz.de/Aus-dem-Hambacher-Forst-in-den-Knast/!5536492/

Und eben diesem einen Foto, was damals sehr bekannt wurde. Eine junge Frau, die Bäume besetzt, die in einem Wald stehen, der abgeholzt werden soll. Sie wurde die Polizei aus einem Baumhaus geholt, das Baumhaus entfernt. Die Aktivisten im Hambacher Forst bekamen viel Zustimmung.

Und meine Schüler die Frage:

Darf man Regeln und Gesetze brechen?

Nein, denn Regeln und Gesetze sollen ja alles ordnen.

Wo kämen wir denn hin?

Und dann kam ich eines freitags in die Schule für die erste Stunde Sozialkunde. Es gibt einen Einstieg, den ich seit etwa 18 Jahren immer wieder durchführe und der dann je nach Diskussion oder Interessen der Schüler zu unterschiedlichen Stunden führt.

Ich frage die Schüler, warum sie eigentlich hier sind.

Man kann dann ganz super Grundrechte wiederholen.
Oder die Frage anstoßen, warum Kinder im Grundgesetz nicht auftauchen.
Oder mal ganz grundlegend über Freiheit sprechen.

An diesem Freitag konkretisierte ich es dann: Warum sie hier sind und nicht zum Demonstrieren in Nürnberg?

Stammt vom Greenpeace-Blog:
https://blog.greenpeace.de/artikel/fridays-for-future-schuelerinnenstudierendenstreik

Es gab die Vernünftigen – die ich bis dahin übrigens nicht als solche erlebt hatte: Nein, ich gehe nicht, es geht ja um den Abschluss und ich will gute Noten haben.

Es gab die Ignoranten: Nein, was soll ich denn da? Ist mir egal.

Es gab die Händler: Würden Sie mir einen Verweis geben, wenn ich gehe? Oder einen Diszi? Fliege ich von der Schule?

Und es gab welche, die gingen.

Zum ersten Mal seit 18 Jahren gingen welche.

Und ich bekam ein mulmiges Gefühl, denn sie sind aus dem Klassenzimmer raus, aus dem Schulgebäude raus, haben das Schulgelände verlassen – und waren weg.

Sie verließen den Unterricht des Schulleiters. Und gingen nach Nürnberg. Zu Friday’s for Future. Sie demonstrierten. Sie bastelten sich ein Transparent aus seinem Betttuch und zwei Holzlatten.

Natürlich war das ein kontrolliertes Experiment im Fach Sozialkunde.

http://www.hatch-mag.com/events/dont-try-home-friday-science-night/

Natürlich wurden sie bestraft von mir. Streng nach Schulordnung. Ich glaube, sie bekamen auch Ärger mit ihren Eltern. Bitte entschuldigen Sie liebe Eltern.

Und ich fand sie doch irgendwie toll.

Denn sie sind wirklich hingegangen, haben sich vorbereitet und ihre Meinung kundgetan.

Ihr Transparent haben sie mir mitgebracht und es steht seitdem in meinem Büro. Ich habe es hier bei mir.

Sie haben Regeln gebrochen und zum Allgemeinwohl beigetragen.

Sie haben gewaltfrei versucht, etwas Gutes in dieser Welt zu tun.

Ungeachtet der Motivation dieser drei Mädchen, habe ich zwei Lehren daraus gezogen, die ich formulieren möchte:

  • Es ist absolut wichtig, dass ihr Leuten wie mir, die glauben, dass sie 18 Jahre lang dieselbe Unterrichtsstunde halten können, den Finger zeigt
  • Es ist wichtig, dass ihr in Zukunft Regeln übertretet.

Die Frage lautet also nicht: Darf ich Regeln übertreten?

Sondern eher: Müssen nicht Regeln übertreten werden?

Denn wahrscheinlich muss sich etwas ändern, damit es gut wird.

Danke.

Mir wächst ein Mikrofon aus dem Gesicht.
Das Transparent.

PS: Nach der Rede kamen Eltern auf mich zu. Sie wollten ihr Betttuch zurückhaben. Ich habe Ihnen stattdessen zu Ihrer Tochter gratuliert.

Noch 17 Jahre Schulleiter: Karriere

20 Jahre Schuldienst, Karriereweg:

  • 1999 nach Bewerbungsgesprächen bei der Stadt Nürnberg abgelehnt worden
  • beim Staat Schüler unterrichtet
  • Geschwister von Schülern unterrichtet
  • mit ehemaligen Schülern angefreundet
  • Kinder von ehemaligen Schülern unterrichtet
  • von ehemaliger Schülerin Dreads gedreht bekommen
  • von ehemaliger Schülerin Dreads abgeschnitten bekommen (3 Jahre später)
  • von ehemaligen Schülern in der Sparkasse beraten worden
  • von ehemaligem Schüler Bücher verkauft bekommen
  • von Freundin (ehemalige Schülerin) zur Hochzeit eingeladen worden
  • ehemaligen Schüler angestellt als Lehrer
  • von ehemaligem Schüler Möbel bauen lassen
  • Beerdigung von ehemaligem Schüler besucht
  • von ehemaligem Schüler die neue Brille geputzt bekommen
  • Auf die Verabschiedungsfeier der von mir sehr geschätzten Schulleiterin der Nachbarschule eingeladen worden, die mir neben anderen vor 20 Jahren bei den Bewerbungsgesprächen bei der Stadt Nürnberg gegenüber saß

Heute war ein Schüler in meinem Büro, am Tag der Notenbekanntgabe der Abschlussprüfung. Er hat sich dafür bedankt, dass er noch einmal an meiner Schule freiwillig wiederholen durfte, weil er sich dadurch verbessern konnte und jetzt seine Ziele wirklich umsetzen kann.

Manche Tage haben gute Momente.

Mit dem Fahrrad unterwegs

In den Pfingstferien war endlich Zeit gewesen für eine längere Tour mit meinem E-Bike. Ich dachte, ich kann das gleich mit mehreren Motivationen verknüpfen und somit

  • Bayern besser kennenlernen
  • Einen Schulleiterkollegen besuchen
  • Einen für mich neuen Golfplatz bespielen

Entsprechend war der Plan:

  • Mit dem Zug von Nürnberg nach Regensburg
  • Von Regensburg mit dem Rad nach Landshut
  • In Landshut Kollegen treffen und Golf spielen
  • Von Landshut mit dem Rad (je nach Zeit) nach Kelheim, Riedenburg oder Beilngries (es wurde Beilngries)
  • Von Beilngries dann wieder heim in die Nähe von Nürnberg

Der Plan funktionierte ganz gut, wurde aber am Ende vom Wetter durchkreuzt, so dass ich in Neumarkt/Oberpfalz abbrach und mit dem Zug nach Nürnberg fuhr.

Im Zug von Nürnberg nach Regensburg
Das war der Plan für den ersten Tag.

Eins meiner Ziele war herauszufinden, ob Strecken mit 100km und mehr möglich wären – für mich als Freizeitradler mit Übergewicht. Und das waren sie mit dem E-Bike.

Am Stadtrand von Regensburg

Der erste Teil verlief eine kurze Strecke an der Donau. Den Donauradweg sind meine Frau und ich schon mal bis kurz vor Wien geradelt. Dann haben wir erfahren, dass Züge, die Fahrräder mitnehmen und zurück nach Nürnberg fahren, grundsätzlich überfüllt sind und reserviert werden müssen und nur ein Mal die Woche fahren. Ich weiß nicht, ob sich daran was geändert hat, aber damals sind wir dann zurück nach Passau und von dort aus heim nach Nürnberg mit Freunden, die wir dort kannten.
Ich fürchtete viele Urlauber an der Donau, aber ich war sehr früh dran, so dass ich weitgehend allein war.

Sallingberg

Für mich beginnt das Bayern (im Unterschied zum Fränkischen) immer mit den Kirchtürmen und ihren Zwiebelköpfen.

Schweinsbratensemma

Auf Twitter setzte ich mich dann der Kritik aus mit meinen norddeutsch imitierten dialektalen Äußerungen über „ein Brötchen belegt mit einer Scheibe Schweinebraten mit Kruste“.
Der Kollege aus Landshut, der in meinen Ohren bayert, erzählte, dass in seiner Kindheit in Niederbayern ein Nachbarsjunge sich über seinen Dialekt wunderte, aber als er erfuhr, dass seine Eltern aus Oberbayern kommen, äußerte: „Na, jetzt weiß ich ja, warum der F. so hochdeutsch spricht.“
F. jedenfalls meinte, das sei bei ihm eine Schweinsbratensemma.

St. Martin in Landshut

Wissen Sie, dass in Landshut der höchste Backsteinturm der Welt steht? Ja, in Landshut. Der Turm der Kirche St. Martin.

Golfclub Landshut

Da es ein heißer Tag war ausnahmsweise im Cart. Auf dem Platz gab es mehrere Brunnen mit Trinkwasser, was ich so noch nirgendwo gesehen hatte.

Plan für den Fahradtag 2: Von Landshut in Richtung Beilngries
Treckerporn
Rast

Ich hatte ein kleines Stativ mitgenommen, weil ich allein unterwegs war und dachte, es wäre super mich selbst abzulichten. Das ist das einzige Foto mit Stativ, was entstand. Ich mag Selfies nicht sehr. Immer noch nicht. War hier aber überrascht, welche Länge mein Bart mittlerweile angenommen hat.

An manchen Stellen gab es tolle Radwege
Beilngries – St. Walburga
Ausfahrt Beilngries am Rhein-Main-Donau-Kanal

Der letzte Tag begann fantastisch. Es war kühler als die Tage zuvor. Die Kulisse war toll. Allerdings wurde es dann schnell regnerisch.

Schleuse Berching
Schon in Berching fing es an
Der alte Ludwig-Main-Donau-Kanal in Richtung Neumarkt/Oberpfalz
Nass
Die letzte Strecke mit Abbruch in Neumarkt

Dann anschließend S-Bahn nach Nürnberg (überfüllt). Dort hatte es schon aufgehört zu regnen, daher konnte ich dann die letzten 16km noch heimradeln.

Unterm Strich

Die Strecke Nürnberg-Landshut fahre ich mit dem Auto in höchstens zwei Stunden. Mit dem Rad in 6 Stunden, reine Radlerzeit. Ich war überrascht wie gut der Brooks-Sattel wirklich funktioniert, denn auch nach diesen sechs Stunden hatte ich keine Probleme mit dem Sitzen (eine der Sachen, die vor 13 Jahren auf dem Donauradweg schlechter war). Rückenschmerzen ja.
Ich habe es genossen, Kilometer abzufahren, still und allein für mich. In Bewegung sein, ohne mit jemandem reden zu müssen. Anhalten zu können, wo immer ich will.
Auf Besichtigungen habe ich verzichtet, das war nicht unbedingt auf meinem Reiseplan gestanden. Muss auch sagen, dass mir das zu umständlich gewesen wäre mit dem Rad und dem Gepäck.
Was mir stattdessen auffiel waren die deutlichen Wechsel der Landschaften, wofür ich im Auto kaum ein Auge habe. Der Übergang von Stadt zu Fluß (Donau), dann zu landwirtschaftlich geprägter Landschaft in Niederbayern/Oberbayern, Kanal, dann Altmühltal und wieder Richtung Stadt. Vor allem das Altmühltal steht jetzt ganz oben auf meiner Liste der Radelstrecken.

Landschaft Niederbayern – rechts der Mais, links das Korn (irgendeins)
Altmühltal hinter Riedenburg

Und an diesem Wochenende die letzte Strecke Neumarkt-Nürnberg noch zu radeln. (Das Rad ist in der Werkstatt, ein Ersatzteil ist schlecht lieferbar)

Das Buch der deutschen Schande

E. J. Gumbel hat im Verlag Neues Vaterland ein kleines Buch erscheinen lassen: ›Zwei Jahre Mord‹. Es ist die wichtigste Publikation der letzten drei Jahre.

E. J. Gumbel hat die politischen Mordtaten der Jahre 1918 bis 1920 kühl und sachlich gesammelt, alle, die von rechts und die von links, und er hat gleichzeitig ihre gerichtliche Aburteilung aufgezeichnet. /…/

Es wurden, systematisch, alle irgend erreichbaren Führer der Opposition hingemordet. Ach, und was verstanden diese Soldatengehirne nicht alles unter ›Opposition‹! Zu dumm und zu faul, etwas andres als Dienstvorschriften, Jagdhumoresken, die ›Tägliche Rundschau‹, ein Blatt ähnlichen Kalibers oder Zoten zu lesen, richteten sie sich in ihrem Haß gleichmäßig gegen Demokraten, Bolschewisten, Dada-Leute, moderne Maler und Nationalökonomen. Unverdächtig war, wer Schmisse auf den Gesichtsbacken und jenes vorschriftsmäßig deutsche Bullenbeißergesicht trug, in dem die richtige Mischung von Kellner und Assessor ganz realisiert war.

Ermordet wurden: Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg, Kurt Eisner, Leo Jogiches, Dorrenbach, Gustav Landauer, Alexander Futran, Bernhard Schottländer, Hans Paasche. Die Liste kann beliebig verlängert werden: dies sind die bekanntesten, die getötet wurden. Und wie getötet! Zerstampft, zu Tode geprügelt, von hinten erschossen, erschlagen, ins Wasser geworfen und mit ›Fangschüssen‹ erledigt!

Summa: 314. /…/

Verschwendet ist jede differenzierte Kritik an einer Rechtsprechung, die folgendes ausgesprochen hat:

Für 314 Morde von rechts 31 Jahre 3 Monate Freiheitsstrafe, sowie eine lebenslängliche Festungshaft.

Für 13 Morde von links 8 Todesurteile, 176 Jahre 10 Monate Freiheitsstrafe.

Das ist alles Mögliche. Justiz ist das nicht. /…/

Wir andern aber vergessen viel zu rasch. Wir konstatieren und gehen nach Hause. Jene dagegen wiederholen Tag um Tag und Tag um Tag, seit zwei Jahren: den Schwindel vom Dolchstoß, die Legende vom Scheidemann-Waffenstillstand, der doch eine Monarchenniederlage war, die historischen Unwahrheiten vom U-Boot-Krieg und die Lüge vom Erzberger-Frieden. Und sie drehen die Geschichte unermüdlich so lange, bis auch sie ihnen und ihrer Existenz recht gibt.

Ignaz Wrobel, 1921, Weltbühne

E. J. Gumbel (Spiegel, 2012)
E. J. Gumbel (Zeit, 2012)
Ausstellung Gumbel (2019)

Das muss man gesehen haben

Das muß man gesehen haben. Da muß man hineingetreten sein. Diese Schmach muß man drei Tage an sich haben vorüberziehen lassen: dieses Land, diese Mörder, diese Justiz. Der deutsche politische Mord der letzten vier Jahre ist schematisch und straff organisiert. Die Broschüre: ›Wie werde ich in acht Tagen ein perfekter nationaler Mörder?‹ sollte nicht auf sich warten lassen. Alles steht von vornherein fest: Anstiftung durch unbekannte Geldgeber, die Tat (stets von hinten), schludrige Untersuchung, faule Ausreden, ein paar Phrasen, jämmerliches Kneifertum, milde Strafen, Strafaufschub, Vergünstigungen – »Weitermachen!«

Kurt Tucholsky, 1922, Weltbühne

Brain-Dump-2019-06-02-Sonntag

Exotisch

Man fragte mich, was ich denn in München gemacht habe, da, am letzten Wochenende. Und ich habe es erklärt. Versucht zu erklären. Und dennoch blieb ein so komischer Rest, auch wenn es nur das Gesicht meines Gegenübers war, der versuchte zu verstehen, warum ich wegfahre, ein Hotel nehme, um an einer Feier teilzunehmen, wo ich quasi niemanden kenne.
Oder kennt man Menschen, die man im Internet kennenlernt, doch irgendwie?
Jedenfalls kam ich mir jedes Mal, wenn ich das erklärte, wie ein Exot vor.

Überholt

Manchmal gehe ich in den Unterricht, präsentiere den Schülern eine Idee, quasi, nicht mehr, und schaue, was daran sie interessiert, um es dann in den folgenden Stunden entsprechend aufzubereiten.
Diese Woche war es das Rezo-Video auf Youtube. Das kannten zwar einige in den Klassen, aber doch nicht die Mehrheit. Ich selbst hatte nur den Anfang gesehen.
Einstieg lief über einen Clip aus „quer“ vom Bayerischen Rundfunk. Danach dann die ersten 15 Minuten von Rezo.
Dann meine Frage: Was macht das Video so spannend und interessant für euch? Eine Stunde lang redet ein Typ mit blauen Haaren, in einer enormen Geschwindigkeit, benutzt zwischendrin so Phrasen, die mit „krass“ oder „lol“ beginnen.
Danach Gespräch, ausufernd, über die Themen, die er nennt, den Rang, den YouTube mittlerweile bei den Schülern einnimmt (hab ich selbst völlig unterschätzt) und die Rolle, die er normalerweise abgibt.
Und ja, es spricht sie an. Es trifft einen Nerv.
So ganz begreife ich es aber nicht.

Ausgeklinkt

Verfolge #readonmyfake auf Twitter. Vor einer Woche in München habe ich sie gesehen, getroffen wäre übertrieben. Und jemand sprach gut von ihr, an jenem Abend. Ich werde denjenigen fragen müssen, was er aktuell meint. Ich kenne das Blog, mehr nicht, gelesen habe ich nichts, nicht mein Stil. Daher keine Meinung, nur Kopfkratzen.
Es stürmt in Twitter. Ein Artikel im Spiegel, den ich sehr gut fand, weil über weiter Strecken unaufgeregt war. Mit der sonstigen Lebenswelt nichts zu tun.
Das mit dem Internet und dem Leben ist manchmal schon etwas schwierig.

Kopfkratzen

Angesichts all dessen die Frage danach, wie man selbst glaubt, im Internet dazustehen. Wie das Bild ist, was andere von einem haben, die den eigenen Quast, den ich hier so reinschreibe, lesen (müssen). Eine Frage, die ich mir seit dem Anfang nicht mehr so richtig gestellt habe.

Fugenvegetation

Ich gebe zu: Garten ist Ehefrau-Sache. Ich kann mir nicht mal die Namen der Pflanzen richtig merken. Für grobe Sachen darf ich mit, aber nur unter genauer Beobachtung und mit genauen Anweisungen.

Oh, ich sehe grad auf den Bildern, dass ich mal die Tomaten geizen muss.

Das Zeug wächst aus der Ritze zwischen Weg und Hochbeet.
Hmja, man sieht es.

Rosentag – Nachtrag

Ausgewildert.

Brain-Dump 2019-05-26-Sonntag

Technik und so


Ich bin ja nicht gerade ein technikfeindlicher Typ, was mich aber nicht minder begeisterungsfähig macht, wenn ich merke, dass bestimmte Dinge in meinem Leben doch wirklich deutlich vereinfacht werden durch z.B. ein Smartphone.
 Eine Übernachtung in München mit Anreise zum #rosentag war mit Hilfe vom DB-Navigator und einer Buchungs-App für Hotels in weniger als einer halben Stunde organisiert und bezahlt. Ich musste nur noch packen und los ging’s.
 Dieses Mal auch entdeckt, dass ich beim Schaffner nicht mal mehr die BahnCard rauskramen muss, weil sie ohnehin in der App gespeichert ist – das hatte ich nicht mitbekommen.


Alter und so


Ich merkte seit einiger Zeit, dass ich trotz Brille die Texte und Bücher wieder mit dem ausstreckten Arm lesen musste. Ich war unzufrieden im Büro am Schreibtisch, weil ich mehr mit Kopf und Hals und Oberkörper arbeiten musste, um die richtige Schärfe zu erreichen. Aber man hat ja keine Zeit, um dem mal nachzugehen.
 Letzte Woche schaffte ich es zum Optiker meines Vertrauens und der maß dann, dass sich die Sehkraft um fast eine Dioptrin verschlechtert hat seit 2016.
 Und ich hole jetzt vier Brillen ab: Eine nur zum Lesen, und dann drei Gleitsicht-Dinger: eine für den Alltag, eine zum Arbeiten im Büro, eine Sonnenbrille.
 Ich weiß ja auch nicht, ob das übertrieben ist. Aber in einer Wlet zu leben, in der alles scharf wirkt, ist super.

München


München, du bist mir sympathischer geworden durch den #rosentag. Auch der kleine Spaziergang heute morgen durch eine fast leere Stadt hat das noch mal bestätigt. Wenn ich Pfingsten komme und @hauptschulblues besuche, werde ich wohl noch mal andere Ecken von dir sehen. Kann noch werden.


München-Einschränkung


Sollte ich mal in eine Diskussion über Uber verwickelt werden, kann ich zwei Erlebnisse mit Taxifahrern aus München beisteuern. Z.B. wie mich gestern das eine auf dem grünen Ampelübergang fast umgefahren hat (alles einsehbar, nix verdeckt, nicht dunkelgrün) und heute morgen das andere, was mich vom Bürgersteig verdrängte, weil es irgendwie seinen Fahrgast ins Haus fahren wollte, wie es schien. Beides geschah ohne bedauernden Blick oder Winken, sondern mit einer beachtlichen Selbstverständlichkeit.
Sang nicht dereinst Tocotronic: „Taxifahrer, ihr seid Schweine. Ich verachte euch.“


Wiglaf Droste ist tot


Und starb nur wenige Kilometer von mir entfernt. Ein erster Blick in die flugs beschaffte Auswahl des Werkes aus dem modernen Internet-Antiquariat zeigte mir, dass ich nicht wirklich viel von ihm gelesen hatte – so im Vergleich. Aber jetzt hole ich das nach und viele Seiten sind ein reines Fest.


1993

Apropos Fest

Ich war auf dem Fest zum #Rosentag von Thomas und Ines. Es hat mich schon allein gefreut eingeladen worden zu sein. Aber dass ich dann auch noch essenstechnisch so fantastisch versorgt wurde, dass ich so nette Tischnachbarn hatte und dass alles, was geboten wurde, so sehr Thomas und Ines war (jedenfalls wie man sich sowas natürlich aus der Second World rauszieht), dass es eine große Freude war.

Der Ort des Geschehens.