Homeoffice Schulleitung – Müde

Anlauf

Mal was schreiben als Gedächtnisstütze. Fing ja schon vor mehr als einer Woche an, dass sich da was zusammenbraute. So ganz glauben wollte man es ja nicht. Aber als dann am Donnerstag die Pressekonferenz Merkl/Söder lief, wurde es deutlich, in welche Richtung es laufen sollte, auch wenn ich es mir absolut noch nicht vorstellen konnte.

Es war jedenfalls so deutlich, dass ich abends schon mal einen Elternbrief aufsetzte, der die Mails und Hinweise der vorangegangenen Tage zusammenfasste: digitaler Unterricht bei längerem Unterrichtsausfall, Vergabe von mebis-Passwörtern gewährleisten.

Und rein…

Freitag dann im Büro in der Schule warten auf die Pressekonferenz von Herrn Söder, bzw. danach Herrn Piazolo. Mitgeschrieben für die erste Konferenz in der ersten Pause.

erste Seite von zwei

Und zum zweiten Mal in diesem Schuljahr durfte ich vor das Kollegium treten mit einer Nachricht, deren Tragweite ich und wir uns noch nicht ganz sicher sein konnten. Verabredung für die zweite Pause, wenn hoffentlich was vom KM durchkommt.

In der Folge warten auf Informationen aus dem KM. Die OWA-Leitung wurde zäh. Kurz vor der Pause kam dann eine Mail. Bis sie angezeigt wurde, vergingen schon Minuten, bis der Anhang geladen war (256KB) noch mal 5 Minuten. Ausdruck, auf dem Weg ins Lehrerzimmer überfliegen, wieder vor das Kolleguim treten: „Vollzug des Infektionsschutzgesetzes (IfSG); hier: Information zu COVID – 19 (Coronarvirus SARS-CoV-2)“ – 7 Seiten Erklärung der Allgemeinverfügung, die erst am kommenden Tag kommen sollte. Dokumente sind alle im Netz abrufbar.

Im Laufe des Vormittags schon Sicherstellung, dass alle Schüler Zugang zu mebis bekommen.

Seltsam gedrückte Stimmung. Normalerweise, wenn ich per Durchsage z.B: mitteile, dass der Unterricht nach der 5. Stunde entfällt, aus welchen Gründen auch immer, höre ich in der Regel das Jubelgeheul bis ins Sekretariat, welches am anderen Ende des Gebäudes liegt. Diesmal nicht.

Schnelle Sitzung in der Schulleitung und Planung der kommenden Woche. Versenden des ergänzten Elternbriefes.

Mit dem Rad nach Hause, am Rande der Nürnberger Altstadt zum Lieblingsdöner, Lahmacun mit nur Dönerfleisch Rind, Soße und Scharf. Ich merke, wie die Kinder des Hauses heimkommen und erzählen. Überall erstaunte Gesichter und Lachen. Man fragt mich, ob das stimmt. Ich bestätige das.

Wochenende

Am Samstag kam dann per OWA die Allgemeinverfügung mit den detaillierten Anordnungen. Weiterhin Ergänzungen von der Schulaufsicht. Also noch einen erweiterten Elternbrief verfasst, dazu eine Lehrerinfo angefangen. Schulhomepage aktualisiert. Das Gefühl, dass das Kollegium aktiv ist – der Laden brummt.

Bin am Freitag in die erste Konferenz eingestiegen mit dem Satz „Soweit ist es jetzt: Die Schule wird geschlossen und die Golfplätze sind noch nicht offen.“ Samstag dann auf Insta verkündet mein Golfclub die Öffnung der Sommergrüns. Ironie oder so. Ich entscheide mich für Sonntag auf den Platz gehen, das Wetter passt. Kann es genießen.

Danach dann in Abendarbeit den Lehrerbrief beendet und versendet.

Am Montag schließt der Golfplatz seine öffentlichen Einrichtungen außer den Platz an sich. Dort gelten jetzt die herkömmlichen Regeln der Infektionsverhinderung.

Übers Wochenende kommen Ergänzungen per Mail von der Schulaufsicht.

Montag

Zur Schule gefahren. Surreal. Stehe um halb acht allein in der Aula. Jetzt wird es real.

Montagmorgen nach Stundenbeginn. Es fehlen nur die vorbeiwehenden Büsche.

Schulleitung zum Frühstück in meinem Büro mit Sekretärin. Viel gegessen, erstmal wenig über die Situation. Dann Besprechung der Folgewoche. Habe übers Wochenende entschieden, dass die ursprüngliche Planung mit SL-Sitzungen in der Woche gecancelt ist. Wir fahren Notbesetzung. Jeden Tag ein Schulleitungsmitglied, eine Sekretärin, ein Hausmeister. Im Brief an Lehrer noch einmal betont, dass der Hauptzweck der Schließung der ist, die Verbreitung des Virus zu verlangsamen. Daher keine Versammlungen oder Konferenzen in der Schule oder außerhalb, weder von der SL aus noch von den Fachschaften aus.

Habe mich am Wochenende umgehört. Es gibt zwei SL-Fraktionen:

a) Es gibt Konferenzen, Fachsitzungen, Lehrer müssen kommen.

b) Notbesetzung, keiner kommt, jeder hält Abstand.

Dienstag

Allein mit Sekretärin und Hausmeister. Postausgang erledigt. Ist ja nicht so, dass es nichts zu arbeiten gibt. Aktuell beginnt die Unterrichtsplanung für das kommende Schuljahr. Es laufen noch Einstellungen für das zweite Halbjahr. Auch wenn man das Gefühl hat, dass alles stockt, telefoniere ich oft am Vormittag.

Das erste Kind für die Notbetreuung wird angekündigt.

Ich leihe mir von einem IT-Kollegen eine (Schüler-)Kiste mit einem Arduino-Starter-Kit plus Sensoren aus. Fahre heim. Jetzt beginnt meine Homeoffice-Woche. Will erstmal Blog schreiben, dann gehts los.

Bin müde seit Tagen. Schlafe schlecht seit Tagen. Versuche mich wie alle anderen mit der Situation zu arrangieren. Wir tun viel, arbeiten an der Kommunikation mit den Lehrern und den Schülern.

Was wird

In den vergangenen Tagen erreichen mich auch immer wieder Fragen, in denen es schon um die Planung nach den Ferien geht. Ich kann nicht wirklich auf eine dieser Fragen eingehen und will es auch nicht. In den letzten Tagen passierten so viele Dinge, die ich nicht für möglich hielt – wie soll ich wissen, was in 5 Wochen ist?

Mein Plan ist: Erstmal alle Pläne auf Halde zu legen und die alltägliche Arbeit zu erledigen:

  • Unterrichtsplanung
  • Unterstüzung der KollegInnen bei der digitalen Unterrichtsgeschichte
  • eigenen, wenigen Unterricht ins Netz bringen
  • mich selbst auf die Reihe zu bringen

Was ich aktuell noch nicht verstehe

  • Dass es überall um die Abiturprüfungen geht (regionale Tageszeitung: vier Spalten Text, 98% Abitur, ein Halbsatz Mittel- und Realschule)
  • Dass ich auf Twitter lese, dass man jetzt digital Leistungsnachweise vorbereiten will, um nach den Osterferien dann gleich Noten zu machen
  • Dass ich im Netz immer wieder das Misstrauen erkenne, was Lehrern und Schülern entgegen gebracht wird

Zum letzten Punkt: Ich lese, dass man andernorts versucht virtuell die vormittägliche Anwesenheit von Schülern an ihren Heimcomputern zu kontrollieren. Ich lese gleichermaßen, dass Lehrer zur Anwesenheit in der Schule genötigt werden (oh, muss heißen: Damit ihre Dienstpflicht erfüllt wird) und sie das Klassentagebuch benutzen müssen.

Ich kann dieses Verhalten soziologisch und psychologisch verstehen.

Ich schrieb an meine Lehrer:


Die vermeintlich vermehrte freie Zeit sollte nicht dazu genutzt werden, sich jetzt mehr zu treffen und Absprachen zu treffen, vor allem weil diese Absprachen aktuell noch nicht viel Sinn machen.

Und

Es gilt weiterhin das, was ich am Freitag sagte:

  • Die Schule bleibt geschlossen bis einschließlich zum 19.4.2020
  • Alle regionalen und überregionalen Fortbildungen bis dahin sind ausgesetzt / abgesagt
  • Sie sind weiterhin im Dienst, auch wenn Sie die Schule nicht betreten
  • Ihre Dienstpflicht besteht entsprechend weiterhin

Aktuelle Dienstpflicht

Ihr Dienst besteht schwerpunktmäßig derzeit in folgenden Aufgaben:

  • Die Schüler daheim mit Aufgaben und Anregungen zum Lernen zu versorgen.
  • Den Kontakt mit den Schülern stetig aufrecht zu erhalten.
  • Die Kommunikation mit den anderen Kollegen und der Schulleitung zu pflegen.
  • Die Notfallbetreuung von SchülerInnen zu übernehmen, wenn der Schulleiter Sie dazu auffordert.
  • Tägliches Abrufen der dienstlichen Emails

Und

Unterschätzen Sie bitte nicht den Wert der Kommunikation mit den SchülerInnen. Vielleicht haben Sie am Freitag auch gemerkt, dass die Freude eher verhalten war. Auch wenn es nicht offensichtlich ist, so sind wir als Schule und als Lehrer doch oftmals ein fixer und verlässlicher Punkt im Leben der Kinder. Der aktuelle Zustand verunsichert nicht nur uns, sondern auch die Ihnen anvertrauten SchülerInnen.


Ich hatte mich übers Wochenende mit anderen SchulleiterInnen ausgetauscht und das war so die Essenz, die ich für vernünftig hielt aus dem Austausch.

Und das bedeutet, dass ich das weitergebe, was man mir „von oben“ entgegen bringt: Nämlich das Vertrauen, dass ich meine Energie und meine Dienstpflicht auch ohne Gängelung und Druck positiv und zugunsten meiner Schüler aufwende. Dass ich weiß, was zu tun ist dafür. Dass ich meinem Dienstherrn aber andersrum auch so viel Vertrauen entgegenbringen kann, irgendwie das Richtige zu tun.

Was wird

Ich weiß nicht, was wird. Ich gehe stark davon aus, dass für alle Probleme, die man sich aktuell vorstellen kann, u.a.

  • Notenvollständigkeit
  • Notenschluss
  • Prüfungen
  • Referendarsausbildung
  • Beurteilungen von KollegInnen

Pläne und vernünftige Entscheidungen geben wird. Für all das und mehr gibt es Termine. Aber ich denke nicht, dass man nach den Ferien einfach so ansetzt, wie man hier aufgehört hat. Das ist unrealistisch.

Komisch unzusammenhängender Post. Spiegel dieser Tage.

6 Wochen Schulleiter: Keine Jobempfehlung

Das war dann wohl der zweite Monat ohne Blogposting in bald fast zehn Jahren, trotz Ferien – mal abgesehen von einem Jahr Postings, die mir hier irgendwann mal abhanden gekommen sind (Oktober 2016 bis September 2017), worauf ich keine Antwort weiß, da sie nicht mal in meinen Backups vorhanden sind. Ich suche dieses Jahr noch.

An nicht wenigen Tagen in den vergangenen Wochen habe ich gedacht, ich ziehe hier einen Schlussstrich, weil ich nicht mehr schreiben kann, was ich schreiben möchte.

(Nach Norden, Beerbach)

Von meinen Erlebnissen in den letzten 6 Wochen kann ich nicht schreiben, aus naheliegenden Gründen des letzten Postings.

Wie sehr belastend diese Wochen waren, habe ich zum ersten Mal in den Weihnachtsferien realisiert, und zwar etwas nach Neujahr, als ich merkte, dass ich mich nicht mehr mit aller aufgebotenen Kraft zusammennehmen musste (konnte?). Als ich erlebte, dass ich nachlassen kann und zufrieden feststellte, dass die innere Eskalation nicht nach außen dringt. Ja, dass sie nachlässt.

(Nach Osten, Schnaittach)

Woher das kam?

Von dem komischen Gedanken, dass der Chef jederzeit ruhig bleiben muss, um das Schiff zu lenken und Zuversicht zu verbreiten. Es ist zumindest die Idee der Verantwortung für jeden der fast 900 Passagiere. Und diesen Auftrag wollte ich erfüllen, jeden Tag. Und so musste ich nur einmal ein Gespräch im Lehrerzimmer abbrechen und dieses abrupt verlassen, weil ich nicht wollte, dass mich jemand weinen sieht.

Ob das hier jemand lesen will? Ob das die Botschaften sind, die ich in mein Kollegium geschleust haben möchte – ist ja hier irgendwie öffentlich? Macht man das als Schulleiter? Die ewig gleiche Frage.

Ich bin 50. Seit fast 23 Jahren im Schuldienst. Die Schule, die ich leite, ist die siebte Schule, die ich von innen gesehen habe. Ich habe an inneren emotionalen, psychologischen Verwerfungen selbst ein paar Dinge erlebt und in Gesprächen viel erfahren. Ich bin ein stark reflektierender und reflektierter Mensch, der dabei immer aufpassen muss, nicht in Spiralen zu landen bzw. zu enden. Ich kenne meine Abgründe, meine Leichen im Keller. Und habe doch in den zurückliegenden Wochen (wie viele andere auch) neue Grenzen entdeckt und überschritten. Und ich bin keiner, der mit dem Satz auf den Lippen rumläuft, dass man immer stärker wird nach solchen Phasen – erlebe stattdessen bei mir, dass entsprechend auch der körperlichen Regeneration die psychische, innere Wiederherstellung länger braucht als früher. Das ist hinzunehmen.

Und Antworten gibt es einfach oft keine.

Dinge, die man ihnen nicht beibringt als Schulleiter. Wer weiß, ob das überhaupt geht.

(Nach Westen, Nürnberg)

Und jetzt das Positive

Dramatisierend hätte ich fast nichts mehr geschrieben nach dieser Zeile. Aber das wäre nicht realistisch.

Ich habe ein starkes Kollegium erlebt in den letzten Wochen und bin froh, stolz, zufrieden der Chef eines solchen Kollegiums zu sein – nicht zum ersten Mal, aber jetzt erst recht.

Ich nehme daher mittlerweile lächelnd zur Kenntnis, dass sich mein Name verändert hat.

Ich bin der „Chef“.

Bald ist Fasching. Ich erwäge eine Verkleidung.

Seien Sie gespannt.

Bleiben Sie mir gewogen.

(Die Kommentarfunktion für diesen Beitrag habe ich abgeschaltet, Pingbacks/Trackbacks dagegen nicht. Entschuldigen Sie.)

(Morgendlicher Blick auf den Wöhrder See in Nürnberg)

Die Fotos

Handyfotos. Von hier aus in Richtung Norden liegt auf einer Anhöhe der Ort Tauchersreuth. Bekannt u.a. für seinen Wasserhochspeicher. Von dort aus kann man bis nach Nürnberg und weiter schauen. Ich fahre in letzter Zeit samstags auf meine Einkaufstour morgens kurz dort vorbei und schaue und atme. Das ist fast wie an der See zu sitzen.

Das untere Bild stammt von gestern, da ich zum ersten Mal seit Langem wieder mit dem Rad zur Schule bin.

16 Jahre Schulleiter: Öffentlich reden

Anlass: Nachruf/Trauerrede auf einen verstorbenen Kollegen
Ort: Katholische Kirche außerhalb von Nürnberg
Vorbereitungszeit: 9 Tage, von der Bitte, die an mich gerichtet wurde, bis zum Tag der Beerdigung gestern; 3 Versionen, die letzte 12h vor Termin in einem Zug aufgeschrieben
Dauer: Weniger als 10 Minuten

Aus naheliegenden Gründen keine Veröffentlichung des Redemanuskripts.

Noch 16 Jahre Schulleiter: Die Grenze des Sagbaren

Lang nichts mehr geschrieben.

Ich warte auf was Neues von Dir.

Es folgt Stückwerk.

Viele schreiben über meinen Blog, dass Sie interessiert verfolgen, wie ich mit meinem Rollenwechsel in der Schulleitung umgehe und ihn beschreibe.

Ich selbst sehe aktuell genau darin das Problem.

Ein Kollege, der vor mir den Schritt wagte, sagte mir mehrfach, dass dieser „letzte“ Schritt zum Chef der größte von allen Schritten war, die er in der und in die Schulleitung unternommen hatte. Da habe ich immer eifrig genickt.

Es zu erleben, ist was ganz anderes.

Es ist immer noch ein großer Schritt, ein enorm großer Schritt. Und nichts von dem, was ich vorher gemacht habe, hilft mir seitdem dabei, mit den Folgen des Schritts umzugehen.

Jetzt bin ich Schulleiter. Und damit wiegt jedes Wort hier schwerer – in Realität und hier im Blog. Auch mit dem Wissen, wer hier alles mitliest, an Kollegen, Kollegium und Vorgesetzten. Da ist die Grenze des Sagbaren schnell erreicht.

Denn das, wovon ich gern schreiben möchte, weil ich es eigentlich als das Wesentliche ansehe, was meinen Job derzeit ausmacht, kann ich nicht veröffentlichen, weil es ohne ausreichende Kenntnisse nicht verstanden werden kann. Weil zu viele Querverbindungen erkennbar wären, weil zu viel identifzierbar ist.

Schwierigkeiten bereitet mir z.B. aktuell im Amt, dass ich mir altbekannte Texte aus dem Schulrecht immer wieder neu lesen und auslegen muss, weil sich Rahmenbedingungen verändern, bzw. an meine Stadtschule immer wieder neue Konstellationen zeigen, bei denen Standardlösungen vielleicht leichter anzuwenden wären, aber nicht ausreichend befriedigend sind.

Schwierigkeiten bereitet mir, dass an meiner – und anderen Stadtschulen – die gesamte Bandbreite an gesellschaftlichen Verwerfungen anbrandet. Und nicht nur mir, sondern jedem KollegIn meiner Schule.

Jemand hat mich neulich leutselig gefragt, mit welchen Gefühlen ich morgens zur Schule gehe. Und ich antwortete, dass es keine Sache von Gefühlen ist. Ich wache auf, ziehe mich an, putze die Zähne und gehe zur Schule.

Und dann bin ich gespannt, was auf mich zukommt.

Mein nächstes Projekt wird es daher sein, mit dem Sozialpädagogen zusammen eine wie ich es mittlerweile nenne „soziale Radtour“ durch die Stadt zu machen. Ich habe ihn gebeten, an einem Tag Termine zu vereinbaren mit sozialen Einrichtungen, mit denen er / wir direkt oder indirekt regelmäßig Kontakt haben – also: Jugendschutz, Jugendtreff, Jugend- und Drogenhilfe, KJP (Kinder- und Jugendpsychatrie), JAS (Jugendsozialarbeit an Schulen) u.a. Ich bin sehr gespannt.

Bei meiner Rollengeschichte kam Hilfe übrigens vor einigen Wochen aus einem überraschenden Satz, den mir eine sehr, sehr nahestehende und liebe Person gesagt hat. Und ich muss ihn unbedingt richtig zitieren und montieren, denn er war wirklich mit viel Liebe gesagt:

„Wenn ich böse wäre, würde ich sagen: Hör endlich auf zu heulen und triff deine Entscheidung und steh dazu.“

Ich habe jetzt meine Entscheidung getroffen.

20 Jahre Lehrer: Hunde, wollt ihr ewig leben? – Ein Vortrag, den ich immer meinen Lehrern halten will

2002 war ich drei Jahre im Dienst und fiel in meiner Schule im Winter auf dem Weg zum Klassenzimmer eine nasse Steintreppe hinunter. Mir zog es die Füße nach vorn weg und ich rumpelte auf dem Hintern die Stufen hinab. Unten angekommen rang ich nach Luft, rappelte mich auf, nahm meine Tasche und ging ins Klassenzimmer. Dort merkte ich, dass ich ganz schön wacklig auf den Beinen war und setzte mich auf den erstbesten Schülerstuhl, winkte besorgten Schülergesichtern zu und meinte nur, dass ich grad mal durchschnaufen muss. Dann stand ich auf und machte meinen Unterricht.

Ich ging nicht zum Arzt, meldete nichts. Habe bis heute an der Stelle, die mir damals weh tat, Schmerzen, wenn ich an langen Korrekturen sitze.

Irgendwann später merkte ich mal an einem Montag beim Frühstück, dass ich nur unter Schmerzen schlucken konnte. Dienstag dasselbe. Mittwoch dasselbe. Donnerstag dasselbe. Freitag war es besser. Ich ging auf dem Heimweg zum Arzt. Der meinte: „Jetzt hätten Sie auch nicht mehr kommen müssen.“ Diagnose: Kehlkopfentzündung und angegriffene Stimmbänder.

Noch ein paar Jahre später hatte ich eine Bronchitis. An einem Freitag unterrichtete ich vormittags drei Stunden. Fuhr danach nach Nürnberg und hielt einen Vortrag von 90 Minuten. Danach fuhr ich nach München und hielt abends einen weiteren Vortrag von 90 Minuten. Ich schlief schlecht und am nächsten Morgen hatte ich keine Stimme mehr. Eine Woche lang. Diagnose: Kehlkopfentzündung und angegriffene Stimmbänder.

Seitdem kann ich leider nicht mehr anhaltend in der Aula Reden halten ohne Verstärker, weil meine Stimmbänder dann blockieren. Aber ich hatte beschlossen, dass ich jetzt immer gleich zum Arzt gehe, wenn es mir schlecht geht und ich mich schonen will.

Einmal (2017) merkte ich, dass ich zwischen Januar und März nie wirklich gesund war. Eine Infektion jagte die andere. Auf dem Höhepunkt ging mein Blutdruck durch die Decke. Ein Checkup ergab, dass wesentliche Blutwerte irgendwie aus der Bahn geworfen waren. Vitamin D, so hieß es, war quasi nicht mehr vorhanden.

Seitdem wird mein Blutdruck medikamentös eingestellt – ganz niedrige Dosierung sagt mein Hausarzt. Der sagte auch, ich solle das mal abchecken lassen. Er ist normal eher cool. Wenn er besorgt schaut, bin ich auch besorgt. Also ging ich: Pneumologe, Kardiologie, Sportmediziner. Dann entdeckte man die Schlaf-Apnoe und mit Beginn der Therapie merkte ich zum ersten Mal seit Jahren, was ein erholsamer Schlaf wert sein kann.

Witzig die Diagnose-Gespräche mit den Ärzten, jedes Mal: Hmmm, was machen Sie beruflich? Ah, in der Schulleitung…hmmmm…achso, na klar…dann…nix organisches…

Mit meinem Hausarzt feilsche ich auch immer. Sein Standardsatz, wenn es um Krankschreibung geht: „Ja, Herr Kuban, Sie wissen ja, wie ich darüber denke…eine Woche!“ Wir landen dann immer so bei drei Tagen.

Er sagt auch, dass man, wenn man Antibiotika nimmt, sich nicht belasten soll. Also daheim bleiben.

Vor etwas mehr als einem Jahr (2018), die Phase, in der ich allein kommissarischer Schulleiter war, entwickelte sich ein Insektenbiss bei mir zur Schwellung und dann zur roten Linie, die den Arm hochkroch. Irgendwann wurde es mir unheimlich und ich bin dann Sonntagabend in die Notaufnahme gefahren. Die haben mich ein wenig versorgt und wieder heimgeschickt. Am Montag war keine Besserung in Sicht und ich bin zum Hausarzt. Der lachte und zeigte meinen Arm in der Praxis rum. So eine feine Lymphangitis hatte er schon lang nicht mehr gesehen.

Er verschrieb Antibiotika und am Dienstag ging ich wieder in die Schule. Mit einem Feuchtverband, der regelmäßig befeuchtet werden musste und den Schreibtisch einsaute.

Ich erzähle gern Anekdoten. Wenn ich die letzte Geschichte jemandem erzähle, erschrecke ich eigentlich über mich selbst. Echt. Das ist blanker Irrsinn.

Ich spreche mittlerweile die Kollegen, die ich krank erkenne, an. Und manche bitte ich so freundlich wie es geht, dass sie nach Hause gehen sollen. Letztes Jahr habe ich es nur mit einer schriftlichen Dienstanweisung geschafft bei einer Kollegin. Sie war böse, ich war wütend – wir haben uns auf dem Gang vor dem Lehrerzimmer gestritten.

Aber ich weiß, dass es keine Orden gibt. Und Danke sagt ganz sicher auch niemand.

Meine Tätowierungen

Unteram, innen.

Am Anfang stand der 40. Balken der Turmbibliothek von Michel de Montaigne. Montaigne zog in seinen Turm als er sich in seinen 30ern alle Ämter und Würden ablegte, um in diesem Turm nur noch zu schreiben, und zwar über sich. (Er hatte es bis dahin zum persönlichen Berater des Königs „geschafft“)

Die Zitate, die er an die Deckenbalken brennen ließ, hatten nach meiner Ansicht die Funktion, ihn am Denken zu halten. So auch das Solum certum nihil esse certi: Sicher ist nur, dass nichts sicher ist.

Für mich war es ursprünglich die Erinnerung an einen gleichaltrigen Kollegen, der vor ein paar Jahren starb, einfach so. Nichts ist sicher.

Daher mochte ich den fast nihilistischen Anstrich. Daher auch das Papierboot.

Doch eigentlich irrte ich mich, denn ursprünglich könnte man es eher als Leitsatz der Skeptiker bezeichnen. Denn die Anerkennung, dass nichts sicher ist, ist in ihrem Sinn der Ausgangspunkt für alles Forschen, alle Neugier. Daher der Leuchtturm.

Unterarm, außen.

Die weiteren Gespräche mit der Tätowiererin kamen zu dem Schluss, dass der Arm, wenn er denn gefüllt wird, ein einheitliches Thema besitzen sollte. Daher nannte ich ihn von nun an „den maritimen Arm“. Als nächstes sollte dann ein Wasservogel drauf. Der musste für mich einen eher stoischen Charakter haben. Ich mag die Vögel an der Nordsee sehr, die auf den Anlegestellen sitzen und kaum in Hektik ausbrechen – außer es gibt irgendwo Futter.

Der hier guckte am Ende etwas böse, aber das war ok.

Unterarm, hinten. (ich habe dreieckige Unterarme)

Die Rückseite des Arms ziert ein Schlepper. Das sind die kleinen Boote im Hamburger Hafen, die die großen Pötte dirigieren, ziehen und schieben, so dass sie in die einzelnen Hafenbecken gelangen können.

Klein, gedrungen, wendig und stark. Eigenschaften, die mir erstrebenswert gelten in meinem Beruf.

Ich werde morgen 50. Und in Gedanken plane ich schon den anderen Arm. Die Grundlage soll die Weiterführung des Satzes oben sein. Solum certum nihil esse certi et homine nihil miserius aut superbius. Einzig sicher ist, dass nichts sicher ist und nichts elender und überheblicher als der Mensch.

Ja natürlich ist das ein Ego-Trip. Natürlich will ich auffallen und angeben. Natürlich ist das Midlife Crisis. Natürlich sind das Malereien zum Bannen der bösen Geister.

Daher das Ankerherz.

Nachtrag

Neulich war ich bei meinem Fahrradhändler.

Im Laden angekommen stürmten gleich zwei Mädchen auf mich zu, etwa 5 Jahre alt. Und sie fragten mich aus.

Wie heißt du?

Hast du eine Frau?

Wie heißt die?

Hast du Kinder?

(Nein, aber Katzen)

Wie heißen die?

Den Eltern im Gespräch wurde das langsam peinlich. Mir wurde warm und ich zog meinen Jacke aus und krempelte die Ärmel vom Pullover hoch. Erstaunte Gesichter starrten auf meinen Arm.

Boah, du hast dir auf den Arm gemalt.

Das darf man nicht.

Darfst du das?

Geht das wieder ab?

Fahrrad fahren – von Köln nach Oldenburg II

Etappe 3: Von Lipporg nach Porta Westfalica

Meine mangelhaften Geografiekenntnisse sind legendär. Man konnte mich bei Trivial Pursuit immer mit den blauen Fragen besiegen. Immer. Aber ich habe wirklich immer gedacht, dass Porta Westfalica nicht ein echter Name eine deutschen Stadt ist. Das hatte in etwa so den Status wie Castrop Rauxel oder Bielefeld.

Ein Storch kurz vor Kesseler.

Dennoch peilten wir diese Stadt an am dritten Tag. Eigentlich sollte es ein ruhiger Tag werden, da wir aber am Tag vorher 30km zu wenig auf der Uhr hatten, mussten wir das jetzt drauf legen.

Manche Dorfansichten erinnerten mich an meine Tour in Niederbayern.

Daher gab es auch wenig Bilder. Wir sind geradelt. Einfach geradelt.

Nahe Luster Heggeney (Das gibt es auch wirklich)
Die Lippe in Lippstadt.

Ich kann mich an ein „Westfälisches Krüstchen“ in Delbrück erinnern, also ein Schnitzel auf Toast mit Spiegelei. Aber dann waren wir plötzlich in Porta Westfalica. Wir sind, glaube ich, recht stur geradelt. Die Landschaft war nicht so erinnerungsfähig. Vielleicht versuche ich das das nächste Mal vorher durch Twitter zu jagen und lasse mich zum Campen in die Gärten meiner Leser einladen. Und dann kann man mir auch die schönen Landschaften zeigen.

So ging das.

Die Küche war an diesem Abend nicht ganz so ausgeprägt, was auch daran lag, dass der Campingplatz weder eine Gastronomie noch einen Supermarkt hatte. Jedoch geht mit Wasser und dem Inhalt mitgeführter Tüten dann doch eine Menge.

Aber für Leute, die Ravioli auch kalt aus der Dose löffeln würden, war das schon hohe Kunst.
Nur das nächste Mal nehme ich mir entweder die richtige Gas-Kartusche für meinen Kocher mit oder besorge mir gleich den legendären Trangia. So mussten wir leider nacheinander kochen.

Etappe 4: Von Porta Westfalica nach bei Oldenburg

Ich schreibe immer Oldenburg, aber erwähne natürlich nicht den echten Namen der Ortschaft, in der meine Mutter und mein Bruder wohnen. Das ist ja klar.

Wir änderten unsere Tour am vierten Tag. Ursprünglich war vorgesehen über einen großen Bogen in Richtung Oldenburg zu gelangen, von Porta Westfalica aus in zwei Tagen mit lockeren Etappen. Nächster Stopp Drakenburg, hinter Nienburg – ich hätte versucht noch einmal das Steinhuder Meer zu sehen – und dann von dort aus Richtung Oldenburg.

Leider war schon wieder Regen angekündigt und da hatten wir keine Lust drauf – also keine Lust im Regen das Zelt auf- und abzubauen.

Wir fuhren den direkten Weg und hatten schon wieder 110km vor uns.

Das gesamte Gepäck.

Das Navi kannte sich auf dem Campingplatz gar nicht gut aus, was dazu führte, dass wir freihändig dorthin fahren musste, wo sich Komoot wieder auskannte.

Die Porta Westfalica war, so hatte ich schon aus der Karte erschließen können, offenbar wirklich eine Porta, nämlich ein Gebirgseinschnitt, den man in Richtung Norden durchqueren konnte. Und das war auch das erste Ziel: Minden, was hinter diesem Einschnitt liegt.

Und hier noch so eine Porta.

Dahinter stießen wir auf die Weser zu und mit ihr ging es in Richtung Norden.

Und bald schon erreichten wir den Nordpunkt NRW. In Preußisch Ströhen.

Ortsschild in Preußisch Ströhen.
Landschaft viel so.
Und das schon die letzte Kurve vor meiner Mutter.
Bushaltestelle auf dem Land.

Landschaftlich war in Niedersachsen wieder nicht viel geboten. Landwirtschaftlich geprägt, weite Felder.

Der Sohn des Kochs aus Lipporg antwortete mir, als ich ihn fragte, was denn der Unterschied sei zwischen seinem Landstrich (Ostwestfalen) und Niedersachsen, die mir sehr ähnlich vorkamen: „Ja, sieht fast aus wie hier – nur die Felder sind größer.“

Sehr oft auch das:

Hier werden Truthähne gemästet.

Tiere aber auch abseits, z.B. eine sterbende Natter, die ich noch auf den Wegrand legen konnte.

Und die letzten Meter vor dem Ziel.
Die letzte Etappe.

Unterm Strich eine schöne Tour. Sie hätte noch zwei Tage länger dauern können, aber dafür ist ja auch noch in anderen Ferien Zeit.

Richtig ätzend war durchgehend, dass sich wirklich alles auf den Autoverkehr konzentriert. Denn obwohl es Fahrradwege gab neben den Straßen, waren diese kaum zu benutzen, weil die Wurzeln der Bäume sie zu einem Waschbrett gemacht hatten. Oftmals wichen wir auf die Straße aus, weil die grandios glatt geteert war. Man hupte, aber es war uns egal.

Interessant aber fand ich jedenfalls die Erfahrung, dass es mit dem Radeln UND dem Campen gut klappt. Ich hatte zwar wenig Platz auf dem Rad (das lasse ich grad durch den Anbau eines vorderen Gepäckträgers ändern), aber es reicht aus. Und wenn ich meine Ausrüstung noch etwas intelligent ergänze, dürfte dem Zelt nichts weiter im Weg stehen.

Ganz oben auf meiner Packliste stehen aber in Zukunft Magnesiumtabletten. In der ersten Nacht im Zelt wachte ich nämlich nachts um drei auf und hatte in beiden Beinen Krämpfe bis zur Hüfte und jede Bewegung, die entlasten sollte, machte es eigentlich schlimmer. Der regelmäßige Einwurf von Magnesium in den Folgetagen konnte das dann verhindern.

Was ich sehr genossen habe, war das stundenlange Radeln, bei dem ich mit P. und mit mir allein war. Ich habe viel im Kopf bewegt. Wenn ich auch nicht wirklich etwas lösen konnte, merkte ich später, dass sich zumindestens etwas gelockert hatte, was dann später in Bewegung kam. Insofern war es ein sehr erfolgreicher Urlaub.

Fahrrad fahren – von Köln nach Oldenburg I

Meine erste längere Radtour machte ich 1983, als ich noch in Hamburg zur Schule ging. Unser Klassenlehrer riskierte es, mit uns 50 km von Lüneburg nach Hitzacker in die Jugendherberge zu radeln. Anfahrt mit dem Zug, dann mit fast 30 8. Klässlern (wilde Klasse) an der Elbe entlang (nicht direkt, wie ich in Erinnerung habe…aber es muss in der Nähe gewesen sein). Erst als ich selbst Lehrer geworden war, habe ich diese Klassenfahrt wirklich hoch einschätzen können – ich kenne kaum Klassenlehrer, die so etwas unternehmen würden.

Mein damaliger bester Freund B., der damals auch bei der Radtour in meiner Klasse dabei war, besuchte mich später dann im Bergischen und wir machten ca. 1986 erneut eine Radtour, in Erinnerung an damals.

Damals gab es noch kein GPSTracking bei den Bildern. Aber ich meine das wäre irgendwo hinter Siegen in Richtung Westen.

Schieben mussten wir damals oft.

Diese Radtour war ungeplant (es sollte Richtung Gummersbach/Olpe gehen). Sie fand im März statt und wir starteten also im Regen. Und während ich ohne Gänge auf einem Hollandrad fuhr, dass ich noch aus Hamburg mitgebracht hatte, konnte mein Freund wenigstens zwischen drei Gängen wählen. Die Lenkertasche bestand aus einem alten Kinderrucksack, den ich bei meiner Tante irgendwo im Keller gefunden hatte. Darin ein Kassettenrekorder mit Batterien, auf dem vier Tage lang ununterbrochen The Cure und The Smiths lief. Es gab ja damals nichts: kein Walkman, kein Smartphone, kein Spotify – ach. Auch keine Funktionskleidung übrigens, dafür ein Regencape in grün. Am zweiten Tag ging der Regen in Schnee über, der von vorbeifahrenden LKWs gern auf mein gespanntes Cape geschleudert wurde.

Ansonsten: Bier und selbstgedrehte Zigaretten.

Heute:

Riese und Müller, Ortlieb, Jack Wolfskin – um mal den Werbeblock einzuschalten.

Etappe 1 Nürnberg – Köln – Syburg (am Fuße der Hohensyburg)

Die Tour wurde geplant von meinem Freund P., mit dem ich zwischen 16 und 18 mehr zu tun hatte. Wir verbrachten u.a. 1987 zu dritt mit T. ein paar Wochen in einem Vorort von Paris, wo die Eltern ein Haus aus Familienbesitz renovierten. Wir arbeiteten ein wenig mit und hatten die restliche Zeit komplett für uns. Ein unglaublicher Sommer.

Am Morgen mit dem Blick aus dem Fenster um 5 Uhr war ich etwas am Zweifeln.

Danach wechselte er die Schule und wir verloren uns aus den Augen. Er heiratete recht schnell, ich war dann noch eingeladen, aber danach trennten sich unsere Wege vorläufig – für gut 20 Jahre. T. ging danach für ein Jahr in die USA, kam wieder, heiratete dann auch, machte mich zu seinem Trauzeugen. Aber das war es dann auch schon. Unser Trio löste sich auf. Aber wir hatten viele Geschichten. Das merkten wir im letzten Jahr, als wir zum ersten Mal seit 1997 wieder zu dritt unterwegs waren.

Aber als ich auf dem Weg zum Haupbahnhof in Nürnberg folgenden Anblick hatte, war ich zufrieden mich überwunden zu haben.

Als ich ca. 2012 beruflich in Köln zu tun hatte, meldete ich mich über Facebook bei P. und wir schafften ein Treffen. Und es war im ersten Moment wieder eine Vertrautheit da, die man so wohl wirklich nur bei Freunden aus seiner Jugend findet. Danach versuchte ich jährlich zu kommen, was nicht immer klappte, aber reichte für Spaziergänge durchs Belgierviertel in Köln oder das Kwartier Latäng – mit angenehm übertriebenem Alkoholkonsum und Übernachten auf dem Sofa, als wenn man noch mal 18 wäre. Es hatte sich als Tradition genau die Karnevalswoche eingependelt, hier in Bayern eine Ferienwoche und ich machte 24h-Urlaube draus.

In der Bahn selbst war anfangs viel Platz, das änderte sich dann aber. Zu allem Unglück war ich in den falschen Waggon eingestiegen, der aber dieselbe Platznummeriung hatte wie im richtigen Wagen. Das habe ich bis heute nicht verstanden.

Eine erste Fahrradtour unternahmen wir hier von Nürnberg nach Regensburg in zwei Etappen an Pfingsten 2018. Meine erste Tour nach 15 Jahren, desaströs. Aber P. meinte ganz wertneutral, ich sollte es doch mal mit einem E-Bike versuchen. Das tat ich dann.

Über die Mühlheimer Brücke dann nach Nordost. Vor mir mein Freund P.

Und dann kamen wir nach einigem Hin- und Her auf die Tour von Köln nach Oldenburg.

Ein letzter Blick auf den Kölner Dom.
Von Köln aus ging es dann ins Bergische Land, welches seinem Namen alle Ehre macht – und ja, ich weiß, dass der Name nicht von den Bergen kommt, sondern vom Herzogtum derer von Berg (ursprünglich Grafen) – ach, kann man alles in Wikipedia nachlesen..

Ich mag es übrigens total gern, wenn ich Orte, die mir einigermaßen vertraut waren in der Vergangenheit, Jahre und Jahrzehnte später dann mit dem Fashrrad entdecke. Daraus ergeben sich ganz andere Perspektiven. Ich nutze daher u.a. einen Fahrradverleih, der deutschlandweit in den Großstädten Räder anbietet. Aber wenn es geht, nehme ich ab diesem Jahr eben auch mein eigenes mit.

Hagen, Symbolbild.

Aus dem Bergischen kamen wir dann nach Hagen, was eine recht traurig anmutende Stadt ist. Dies Trostlose war bei vielen Städten in der Region zu erkennen. Ich dachte ursprünglich, man hätte viel im Ruhrgebiet erreicht nach dem Wegbrechen der Kohleförderung, aber das hatte wohl noch nicht alle erreicht.

Hagen, Rangierbahnhof.
Idyllisch wurde es dann erst wieder an der Hohensyburg, wo wir den Campingplatz erreichten.
Einzelzimmer, war klar.

In Hohensyburg auf dem Campingplatz trafen wir Manfred, der aus der Pfalz kam und jedes Jahr Radtouren quer durch Deutschland unternimmt: 1000 bis 2000km am Stück, über mehrere Wochen. Ich wollte ihn noch fragen, was seine Frau dazu sagt, aber er wirkte sehr zufrieden. Allerdings auch sehr redselig, was nicht so meine eigene Art ist. Zum Glück war ich mit einem Rheinländer unterwegs, der das Reden übernahm. Ebenfalls allein unterwegs war eine Dame, die gut zehn Jahre älter war als wir und dort auch mit Rad campte. Sie war auf dem Weg nach Bremen, um dann mit dem Zug nach Hamburg zu fahren, wo sie lebte.

Ich bin immer wieder überrascht wieviele Menschen mit dem Fahrrad allein unterwegs sind. Wenngleich ich an Pfingsten ebenfalls allein war und schon weitere Touren plane. Wenngleich zeitgleich mit uns ein von mir geschätzter Kollege aus der Gegend, wo wir übernachteten, ebenfalls auf eine langen Tour unterwegs war.

Überblick, erster Tag. 120km (ich hatte noch die 15km zum Bahnhof Nürnberg)

Etappe 2: Von Hohensyburg nach Lippstadt (endend in Lipporg)

Mein Freund P. übrigens meinte gleich nach dem Losradeln in Köln zu mir, dass er es gewohnt sei, allein zu radeln und wenn man zu zweit sei, ginge das schon auch, jeder in seinem Tempo und seinem Trott, jeder mit sich selbst beschäftigt – und in Gedanken ergänzte ich: jeder mit seinen eigenen Dämonen.

Tag 2 sollte die Ruhrgebietsroute werden.

Spartanisches Frühstück, nachdem es in der Nacht geregnet hatte.
Umso besser dann das zweite Frühstück in Dortmund, wo es beim REWE Mettbrötchen für einen Euro das Stück gab. Ich unterbrach sofort meine vegetarische Diät (die ohnehin eine pescatorische Diät war)
Datteln-Hamm Kanal, Höhe Lippoltshausen
Lippoltshausen
Kurz vor Werne
Und dann kam das Wetter hinter uns.
Und erwischte uns, so dass wir in den Hauptbahnhof von Hamm flüchteten, nass bis auf die Knochen.

Das ursprüngliche Ziel war ein Campingplatz hinter Lippstadt, aber wir waren so entnervt, dass wir deutlich früher in Lipporg ein kleines Hotel mit Gaststätte ansteuerten. Und dort war ich nicht nur wegen des Betts sehr froh, sondern auch, weil wir auch ein sehr starkes Abendessen bekamen.

Wir kamen mit dem Koch ins Gespräch und ich wollte wissen, was denn in Ostwestfalen-Lippe so als regionale Küche gilt. Danach wurde das Gespräch länger und am Ende zog er sich in die Küche zurück und es gab nach einiger Zeit:

  • eine westfälische Hochzeitsuppe (stand schon auf der Karte)
  • ein Braten aus der Schulter, lang und langsam gegart, mit einer Jus und einem frisch zubereiteten Stielmus (wurde für uns zubereitet, also Letzteres)
  • Rosenblüteneis mit Rosenblütengelee auf Vanillejoghurt (Karte)
Rosenblüteneis

Sollten Sie in der Gegend unterwegs sein, kehren Sie ein im Gasthof Willenbrink. Unbedingt.

Strecke am zweiten Tag. 80km.

P. und ich sind auf unterschiedliche Weise ähnlich extreme Charaktere. Und wir haben extreme Wendungen grad hinter uns oder vor uns. Dass wir uns treffen, mag daher kein Zufall sein. Ich bin jedenfalls froh, dass er aktuell da ist.

Wir sehen uns in zwei Wochen wieder. Da findet das 30jährige Abiturtreffen statt.

Dritter und vierter Tag der Tour folgen.

17 Jahre Schulleiter: Urlaub

Service-Posting: Schulleitung und Ferien.

Die überraschendste Änderung im Schulleiterleben war – und das schon letztes Jahr – dass man als solcher seinen Erholungsurlaub direkt im Kultusministerium bekanntgeben muss (natürlich auf dem Dienstweg über die Dienststelle des Minsterialbeauftragten).

Mein Erholungsurlaub beginnt also heute am 5. August, das ist die zweite Woche der regulären Ferien und dauert bis zum 22. August. Das entspricht genau den Wochen, in denen das Schulsekretariat nicht bsetzt sein muss. Am 28. wird es wieder besetzt sein und in jener Woche werde / soll ich wieder dienstlich ansprechbar sein, wenn auch nicht an der Schule, jedenfalls nicht durchgehend.

Die Sommerferien sehen also so aus:

  • in der ersten Woche werden noch Anmeldungen durchgeführt, z.B. vom Gymnasium, die dort nicht wiederholen können oder wollen (die Fluktuation an Schülern in Nürnberg ist enorm, wir bekommen in der Regel hier noch mal Schüler in Klassenstärke) gemacht, dann Ablage im Büro (habe ich nicht geschafft), dann Unterrichtsplanung und in diesem Jahr am Freitag noch einmal in fast voller Besetzung das Durchsprechen und Planen von Aufgaben des vergangenen Jahres und des kommenden Jahres
  • drei Wochen Urlaub
  • eine Woche langsam wieder hochfahren (brauchte ich letztes Jahr nicht, weil ich gar nicht erst runtergefahren bin)
  • dann eine Woche mit Nachprüfungen, Aufnahmeprüfungen, Unterrichtsplanung, Beginn Stundenplanvorbereitungen, Personalabsprachen

Und ja, ich bedaure das am meisten: Dass die Ferien sich so sehr verkürzen. Aber ich denke auch, dass dies vor allem ärgerlich ist, weil ich so große Probleme habe, wirklich zu entspannen und abzuschalten.

Ich arbeite dran.

Anlass für das hier war entsprechend auch der Beitrag von Timo Off.

PS: Ich fahre jetzt nach Aichach. Ene paar Kollegen aus anderen Regierungsbezirken treffen. Motto wird sein beim Schweinebraten: Man darf über Schule reden, muss aber nicht.

17 Jahre Schulleiter: Öffentlich reden

Ort: Turnhalle, Realschule
Anlass: Abschlussfeier
Vorbereitungszeit: Eine Woche, 24h vor der Feier aufgeschrieben, 2 Stunden vor dem Halten geändert
Stil: recht frei gehalten, während der Rede Passagen wieder eingefügt, die schon draußen waren
Dauer: 10 Minuten

Hinweis: während des Vortrags sollten Bilder meine Rede unterstreichen (Power Point) Ich verwende hier andere Bilder wegen Urheberrecht und so, bzw. verlinke sie. Es ging einiges durcheinander. Ich war so aufgeregt, dass ich dauernd die falschen Knöpfe auf dem Presenter drückte. Daran muss ich noch arbeiten.

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Früher war ja eigentlich alles viel besser.
Das wissen wir alle.
Als ich so alt war wie ihr jetzt.
Fleißiger und so.

Wir hatten ja Ahnung vom Leben. Ihr bekommt ja alles geschenkt.
Wir hatten ja nichts.
Damals.

Sehr geehrte Schülerinnen und Schüler, sehr geehrte Eltern und Angehörige, sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, sehr geehrte Gäste,

Ich provoziere. Natürlich.

Wie letztes Jahr möchte ich kurz, mehr als zehn Minuten habe ich ja auch heuer nicht, ein paar Erlebnisse aus meiner Schulleiterperspektive erwähnen, die für mich sehr prägend waren. Und die euch als Jahrgang von den anderen vorangegangenen unterscheidet. Ich sammle immer wieder Geschichten. Ich erzähle von einzelnen SchülerInnen und meine euch alle.

Vor einem halben Jahr bat ich einen Kollegen, dass er doch bitte ein paar Dinge, die noch in meinem Büro lagerten von dem Radioauftritt, den unsere Schule bei Star FM absolviert hatte, abholen sollte. Er nahm sich sechs Jungs aus der Klasse, die er grad unterrichtete und kam vorbei. Als diese in meinem Büro standen, schaute ich sie nacheinander an und merkte: Vor mir stehen drei Disziplinarausschüsse und drei sehr ernsthafte Gespräche in meinem Büro. Einer von ihnen war der erste Schüler, der zu mir geschickt wurde als ich an der N3 anfing. Dreien von ihnen hatten wir die Entlassung angedroht.

Sie alle hatten Regeln gebrochen. Und alle hatten die Konsequenzen dafür erlebt. Und alle reden noch mit mir. Und alle grüßen mich auf dem Gang.

Und Abdullah gibt mir manchmal eine Faust auf dem Gang.

Wichtig: Und alle sechs sitzen da unten und haben den Realschulabschluss geschafft.

Glückwunsch euch – und eurer Klassenleiterin und den Lehrern.

Mit diesem Foto begann dieses Jahr mein Sozialkundeunterricht.

Stammt aus der taz (tolle Reportage wieder mal):
https://taz.de/Aus-dem-Hambacher-Forst-in-den-Knast/!5536492/

Und eben diesem einen Foto, was damals sehr bekannt wurde. Eine junge Frau, die Bäume besetzt, die in einem Wald stehen, der abgeholzt werden soll. Sie wurde die Polizei aus einem Baumhaus geholt, das Baumhaus entfernt. Die Aktivisten im Hambacher Forst bekamen viel Zustimmung.

Und meine Schüler die Frage:

Darf man Regeln und Gesetze brechen?

Nein, denn Regeln und Gesetze sollen ja alles ordnen.

Wo kämen wir denn hin?

Und dann kam ich eines freitags in die Schule für die erste Stunde Sozialkunde. Es gibt einen Einstieg, den ich seit etwa 18 Jahren immer wieder durchführe und der dann je nach Diskussion oder Interessen der Schüler zu unterschiedlichen Stunden führt.

Ich frage die Schüler, warum sie eigentlich hier sind.

Man kann dann ganz super Grundrechte wiederholen.
Oder die Frage anstoßen, warum Kinder im Grundgesetz nicht auftauchen.
Oder mal ganz grundlegend über Freiheit sprechen.

An diesem Freitag konkretisierte ich es dann: Warum sie hier sind und nicht zum Demonstrieren in Nürnberg?

Stammt vom Greenpeace-Blog:
https://blog.greenpeace.de/artikel/fridays-for-future-schuelerinnenstudierendenstreik

Es gab die Vernünftigen – die ich bis dahin übrigens nicht als solche erlebt hatte: Nein, ich gehe nicht, es geht ja um den Abschluss und ich will gute Noten haben.

Es gab die Ignoranten: Nein, was soll ich denn da? Ist mir egal.

Es gab die Händler: Würden Sie mir einen Verweis geben, wenn ich gehe? Oder einen Diszi? Fliege ich von der Schule?

Und es gab welche, die gingen.

Zum ersten Mal seit 18 Jahren gingen welche.

Und ich bekam ein mulmiges Gefühl, denn sie sind aus dem Klassenzimmer raus, aus dem Schulgebäude raus, haben das Schulgelände verlassen – und waren weg.

Sie verließen den Unterricht des Schulleiters. Und gingen nach Nürnberg. Zu Friday’s for Future. Sie demonstrierten. Sie bastelten sich ein Transparent aus seinem Betttuch und zwei Holzlatten.

Natürlich war das ein kontrolliertes Experiment im Fach Sozialkunde.

http://www.hatch-mag.com/events/dont-try-home-friday-science-night/

Natürlich wurden sie bestraft von mir. Streng nach Schulordnung. Ich glaube, sie bekamen auch Ärger mit ihren Eltern. Bitte entschuldigen Sie liebe Eltern.

Und ich fand sie doch irgendwie toll.

Denn sie sind wirklich hingegangen, haben sich vorbereitet und ihre Meinung kundgetan.

Ihr Transparent haben sie mir mitgebracht und es steht seitdem in meinem Büro. Ich habe es hier bei mir.

Sie haben Regeln gebrochen und zum Allgemeinwohl beigetragen.

Sie haben gewaltfrei versucht, etwas Gutes in dieser Welt zu tun.

Ungeachtet der Motivation dieser drei Mädchen, habe ich zwei Lehren daraus gezogen, die ich formulieren möchte:

  • Es ist absolut wichtig, dass ihr Leuten wie mir, die glauben, dass sie 18 Jahre lang dieselbe Unterrichtsstunde halten können, den Finger zeigt
  • Es ist wichtig, dass ihr in Zukunft Regeln übertretet.

Die Frage lautet also nicht: Darf ich Regeln übertreten?

Sondern eher: Müssen nicht Regeln übertreten werden?

Denn wahrscheinlich muss sich etwas ändern, damit es gut wird.

Danke.

Mir wächst ein Mikrofon aus dem Gesicht.
Das Transparent.

PS: Nach der Rede kamen Eltern auf mich zu. Sie wollten ihr Betttuch zurückhaben. Ich habe Ihnen stattdessen zu Ihrer Tochter gratuliert.